Nachlass
Frühjahr 1871Anfang 1872 14 [1-30] 14 [1] Gang.
14 [2]
14 [3] Aus der Fülle dieser Erkenntnisse, auf die, zur Bekräftigung ihrer ewigen Wahrheit, Richard Wagner im Beethoven seinen Stempel gedrückt hat, hebe ich eine Stelle hervor, die für die Erklärung des Ursprungs der Tragödie von höchstem Werte ist. Die Musik, sagt Schopenhauer, läßt jedes Gemälde, ja jede Szene des wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhöhter Bedeutsamkeit hervortreten: freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie dem inneren Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Denken wir uns jetzt die erhabenste Steigerung der Musik, so wäre damit ein Mittel gewonnen, jedes Bild der Welt, um kurz zu reden, in einen Mythus zu verwandeln und zum Ausdruck einer ewig-gültigen allgemeinen Wahrheit zu bringen. Dieses ungeheure Vermögen der Musik sehen wir zweimal bisher in der Weltgeschichte zur Mythenschöpfung kommen: und das eine Mal sind wir beglückt genug, diesen erstaunlichen Prozeß selbst zu erleben, um von hier aus auch jenes erste Mal uns analogisch zu verdeutlichen. Wer wird, falls er nur einmal etwas von dieser wahrhaft religiösen Wirkung der mythenschaffenden Musik erfahren hat, 14 [4]
14 [5]
14 [6]
14 [7]
14 [8]
14 [9]
14 [10] Ueber die Zukunft Notizen. Herbst 71. 14 [11] Bildung.
14 [12]
14 [13] 1. Den Genius zu vollenden durch Bildung, Ebnen der Pfade 14 [14] Organisation der intellektuellen Kasten die ewige Aufgabe der Bildung, unabhängig von der augenblicklichen Kirche und Staat. 14 [15] Die klassische Bildung. Die höchste Bildung etwas völlig Unnützes: Privilegium des Genius. Aus seiner Bildung kann man keinen Lebensberuf machen, von dem zu leben ist. Dies die Vorstellung des Sokrates vom Weisen, der kein Geld nimmt.
Unsere Schulen sind nach diesem mittelalterlichen Princip eingerichtet. Die Bildung eines eigenen Lehrstandes ist die Folge gewesen. Gelehrter kann ziemlich Jeder werden, ein Gebildeter Wenige. Verallgemeinerung der Gelehrsamkeitdas alte Bildungsziel. Möglichst viele zu Gelehrten abrichtendie höchste alte Erziehungsaufgabe. Das Leben unter der Knechtschaft der Wissenschaft. Daraus entstand die lateinische Schule, die unnationale Bildungsschule des Gelehrten. Der Anspruch auf klassische Bildung ist etwas ganz Modernes und eine Verkehrung der Gymnasialtendenz. Inzwischen ist ersichtlich, daß man nicht vom Latein zur Wissenschaft zu kommen braucht, ebenso daß der Gelehrte und der Gebildete nicht identisch sind. Jetzt kühner Griff: das alte Gymnasium wird zur Formalschule umgestempelt. Große öffentliche Lüge. Die Alten sind wahrhaftig in einem noch höheren Grade unsre wahren Meister und Lehrer: aber nicht für Knaben. Unsere Gymnasiallehrer (unsre besten) sind gar nicht auf diese Ansprüche eingerichtet. Sie erziehen nach wie vor Gelehrte, aber eigentlich nur noch Philologen. Wenn man ehrlich sein will, muß man irgendwann das Gymnasium in eine philologisch-historische Fachanstalt verwandeln, im Dienste der Wissenschaft. 14 [16] Je höher der Mensch gebildet wird, um so einsamer ist er: d. h. er verkehrt mit den Großen aller Zeiten und diese erlauchte Gesellschaft macht ihn etwas vorsichtig. Er ist nicht courant. 14 [17] Das naive Verhalten zur Natur nicht zu früh zu stören. Die Künste früh zu erlernen. 14 [18] Die Examina mit ihren massenhaften intellektuellen Ansprüchen sind eine Bürgschaft für das ethische Bewältigen einer Unmasse im Dienste einer zukünftigen Staatsstellung. Wer sich hier unterwürfig zeigt, ist bereits gezeichnet. 14 [19] Bischen KopfVorbereitung der Gymnasien. 14 [20] Die Realschule. Der Name ist ein Protest gegen die angebliche Formalschule des modernen Gymnasiums. Dem Wesen nach ist sie inzwischen noch ein Allerlei, das die ungeheure Lücke, die das Gymnasium läßt, auszufüllen sucht. Bei der ungeheuren Größe des Gebiets, das sie umspannen will, ist sie genöthigt, etwas allgemein zu bleiben, und wird so praktisch wieder formal. Nicht die Realschule, aber eine Unzahl von Fachschulen müssen in die Lücke hineintreten: und zwar sowohl Berufsschulen als Gelehrtenschulen. Ihre Erscheinung ist deshalb eine große Nothwendigkeit und ein Zeichen, daß das alte Gymnasium erkannt ist. Die Verschwommenheit der Form zeigt inzwischen noch, wie jung der Gedanke ist. Es sind meistens matte Spiegelbilder des Gymnasiums. Dies zeigt sich besonders bei den gleichen Ansprüchen, als Militärschule und Vorbereitungsanstalt für die Universität. Die Universität und das Gymnasium haben einen gemeinsamen Boden: die Universität und die Realschule nicht. Deshalb muß diese, wenn sie consequent denkt, die Alleinherrschaft der Universität negieren. Das Polytechnikum ist etwas, das sich zur Universität ähnlich verhält, wie die Realschule zum Gymnasium. Jung, noch unreif. Unzählige Formen von Polytechniken d. h. wissenschaftlichen Fachschulen sind nöthig. Jetzt wird überall noch die formale Bildung zu sehr betont: aus einer zu großen Allgemeinheit. Gegen die formale Bildung der Gymnasien berechtigte Einwendungen: die Realschule bestreitet die Alleinherrschaft des Gymnasiums für Bildungswege. Ob das Realwiss[en] so gute Lehrer haben wird? Die Realschule will nicht Fachschule sein: aber doch die direkten Berufsarten näher im Auge haben. Alles kann einmal nützlich werden: wichtiger Gedanke! 14 [21] Die Volksschule. Der abstrakte Lehrer. Die Trennung der Gesellschaft. Die Benutzung der Kirche. 14 [22] Reorganisation der Presse. Nur der erhabenste Standpunkt macht es erträglich und befreit von dem Druck des Augenblicks. Sub specie aeterni, 14 [23] Der Lehrer. Der absolute Lehrer. Der Lehrerstand. 14 [24] Die Universität. Als Staatsanstalt entartet. 14 [25] Resultate. Unsere Schulen weisen hin auf eine noch viel größere Arbeitstheilung. Die volle Bildung wird demnach immer seltener erstrebt: es giebt keine Schule, die deren Aufgabe sich stellte. Ja, man weiß sich nicht Rath, wenn man nach Lehrstoff für diese volle Bildung sucht. Demnach dürfte die Macht des verbindenden allgemeinen Menschen, des Journalisten eine Zeitlang noch immer größer werden: sie vereinigen die verschiedensten Sphären: worin ihr Wesen und ihre Aufgabe liegt. Um so stärker wird sich einmal der volle Mensch wieder erheben müssen, nicht als Mittler für alle Kreise, sondern als Führer der Bewegung. Für diese Führer giebt es jetzt keine Organisation. Es wäre denkbar eine Schule der edelsten Männer, rein unnütz, ohne Ansprüche, ein Areopag für die Justiz des Geistes,aber diese Bildungsmenschen dürften nicht jung sein. Sie müßten als Vorbilder leben: als die eigentlichen Erziehungsbehörden. Diese höchste Bildung erkenne ich bis jetzt nur als Wiedererweckung des Hellenenthums. Kampf gegen die Civilisation. Von diesem Forum muß entschieden werden, welche Grenze überhaupt die Förderung der Wissenschaft hat: das dem Wissen eigenthümliche Leiden wird allerdings durch die Arbeitstheilung sehr abgeschwächt. Nach den beiden Enden zu sind wesentlich neue Organisationen nöthig: für die Kindererziehung Beseitigung des abstrakten Lehrerthums, für die höchste Erziehung die Möglichkeit eines Zusammenlebens. In der Mitte wird die Entwicklung ihren Weg gehen. Ein Volkslehrerstand ist gänzlich vom Übel. Das Lehren der Kinder ist Eltern- und Gemeindepflicht: Erhaltung der Tradition ist Hauptaufgabe. In der Höhe großartiger Freiblick. Beides verträgt sich wohl. Diese geistige Aristokratie muß sich auch Freiheit von dem Staate verschaffen: der jetzt die Wissenschaft im Zaune hält. 14 [26] Die Grundlagen der neuen Bildung. Nicht historisch, sondern hineinleben. 14 [27] § 2. Vorbereitung des philosophischen Menschen. Plato meint, der Weisheitslehrer habe sich zuerst gescheut und sich unter anderen Namen versteckt. Der Dichter als Philosoph. Uralte Spruchweisheit. Hesiod Theognis Phocylides. Der Priester als Philosoph: die Genealogie, die verschiedenen Weltweisen, Delphi als Regulativ. Die Mysterienweisheit. Immer willkürlich zu sagen, der und der ist der erste Philosoph. Thales ist genommen, weil er ein Princip aufstellt. Das ist aber ein viel späterer Standpunkt, erst den Systematiker gelten zu lassen (Bestimmung aus der platonisch-aristotelischen Sphäre). Voraus geht eine Menge einzelner Weltblicke: das Problem des Werdens hat schon eine lange Geschichte unter mythischen Hüllen ausgedrückt, auch die Kraft des Systematisirens ist schon da. Wir finden als Vorstadium den priesterlichen Dichter. Eig[entlich] philosophirt ganz Griechenland: zahllose Sprüche. Dann der Kampf der verschiedenen religiösen Kulte: olympische Welt und Mysterienwelt. Die tragischen Mythen. Warum Thales? Das Bild des Philosophen entwickelt sich langsam aus Musaeus, Orpheus, Hesiod, Solon, sieben Weisen. 1) Die mythische Form der Philosophie, 2) Die spruchmäßige Form der Philosophie, das sporadische Philos[ophiren] durch das Systematisiren. So verschiedene Männer sind sojoi. 14 [28] Vorplatonische Philosophen. Wie kommen die Griechen zur Philosophie? Zu welcher Philosophie? Gleichzeitig ihrer klassischen Periode (6. und 5. Jahrhundert) sind gerade die vorplatonischen. Es ist charakteristisch, wie eine Zeit ihre großen Männer aufnimmt. Die Originalanschauungen dieser Philosophen sind die höchsten und reinsten, die je erreicht wurden. Die Männer selbst sind förmliche Incarnationen der Philosophie und ihrer verschiedenen Formen. Frage: wie nimmt sich der Philosoph unter den klassischen Hellenen aus? Von Plato an ist die Frage weniger entscheidend zu beantworten. Da gab es einen Gelehrtenstand, mit dem der philosophische zusammenfallen konnte. Die Vorstufe: der Priester und der Sänger. Die weisen Männer, die das delphische Orakel ernannte, als leibhafte Katechismen. Sie offenbaren uns das Hellenische, nicht direkt: denn sie reden nicht von Sitten usw., aber sie zeigen die Philosophie entstanden als Trieb der Erkenntniß, nicht durch Sündhaftigkeit und Lebensnoth angestachelt. Sie erfassen die ewigen Probleme und auch die ewigen Lösungen. Zahllose Individuen. Als bewußte Denker offenbaren sie weniger als als unbewußte Menschen, in ihren Handlungen 14 [29]
14 [30] Goethesche Lieder für meinen Freund Erwin Rohde zum Singen eingerichtet von F. N.
|