Nachlass
Winter 1869-70Frühjahr 1870 3 [1-95] 3 [1] Wir sind leider gewöhnt die Künste in der Vereinzelung zu genießen, was sich in seiner Thorheit am grellsten an der Gemäldegallerie und am sogenannten Conzert offenbart. Bei dieser traurigen modernen Unart der absoluten Künste fehlt jede Organisation, die die Künste als Gesammtkunst pflegt und ausbildet. Die letzten Erscheinungen dieser Art sind vielleicht die großen italienischen trionfi gewesen, in der Gegenwart hat das antike Musikdrama nur ein verblasstes Analogon in der Vereinigung der Künste im Ritus der catholischen Kirche. So ein antikes Drama ist ein großes Musikwerk; man genoss aber die Musik nie absolut, sondern immer hineingestellt in die Verbindung mit Cultus, Architectonik, Plastik und Poesie. Es war kurz Gelegenheitsmusik, der verbindende Dialog ist nur der Gelegenheitsmacher, nämlich für die Musikstücke, deren jedes seinen scharfen Gelegenheitscharakter festhielt. Die Einheit des Ganzen ist nie ursprünglich auf der frühesten Kunststufe angestrebt. Wodurch unterscheiden sich Mysterien und Moralitäten von den griechischen Dithyramben? Jene sind von vornherein Handlung. Das Wort unterstützt erst und kommt immer mehr zum Recht. Diese sind ursprünglich Gruppen von costümirten Sängern. Die Veranschaulichung durch das Wort zur Phantasie geht voran, die durch die Action kommt erst hinzu. Der Genuss und die Kunst zu hören waren bei den Griechen durch die epischen Rhapsoden und durch die Meliker bereits stark ausgebildet. Andernseits war die nachschaffende Phantasie bei ihnen viel thätiger und lebendiger, sie hatte die Anschaulichkeit der Action viel weniger nöthig. Dagegen brauchte der Germane den Ausdruck der Verinnerlichung viel weniger ausser sich dargestellt aus einem inneren Ueberreichthum daran. Die Griechen sahen die alte Tragoedie um sich zu sammeln, der Germane wollte aus sich heraus zur Zerstreuung. Die Mysterien und Moralitäten waren trotz der Stoffe viel weltlicher, man kam und ging, von einem Anfang und Ende war keine Rede, niemand wollte, niemand gab ein Ganzes: umgekehrt bei den Griechen, man war religiös gestimmt, wenn man zuschaute, es war ein Hochamt, am Schluße die Verherrlichung des Gottes, die man abwarten musste. Man ist versucht und verführt die Reihe der Scenen sich als Gemälde nebeneinander zu stellen und dies Gesammtbild seiner Composition nach zu untersuchen. Dies ist eine wirkliche Verwirrung von Kunstprincipien, insofern man die Gesetze für das Nebeneinander auf das Aufeinander anwendet. Die Forderung der Einheit im Drama ist die des ungeduldigen Willens, der nicht ruhig anschauen, sondern auf der eingeschlagenen Bahn ungehemmt zu Ende stürmen will. 3 [2] Die Handlung kam in die Tragoedie, erst mit dem Dialog. Dies zeigt, wie es in dieser Kunstart von vornherein gar nicht auf das dran abgesehen war, sondern auf das paJoV. Es war zunächst nichts als objektive Lyrik, d. h. ein Lied aus dem Zustande bestimmter mythologischer Wesen heraus, daher auch im Costüm derselben; zuerst gaben die costümirten Sänger selbst den Grund ihrer lyrischen Stimmung an, später trat eine Person heraus und erzählte die Hauptaction; bei jedem wichtigen erzählten Ereigniss erfolgte der lyrische Ausbruch. Diese Person wurde ebenfalls costümirt und als Anführer des Chores gedacht, als Gott, der seine Thaten erzählt. Das griechische Drama ist also in seinen Anfängen ein Liedercyclus für Chor mit verbindender Erzählung. Das griechische Musikdrama ist eine Vorstufe der absoluten Musik. Die lyrisch-musikalischen Parthien sind 3 [3] Die Kunst als das Jubelfest des Willens ist die stärkste Verführerin zum Leben. Die Wissenschaft steht auch unter der Herrschaft des Triebes zum Leben: die Welt ist werth erkannt zu werden: der Triumph der Erkenntniß hält am Leben fest. Die Geschichte, weil sie das Unausschöpfbare Zeitlos Unendliche ist, ist die Hauptstätte der wissenschaftlichen Orgien. 3 [4] Der Kampf zwischen Kunst und Wissenschaft in Griechenland ist darzustellen. Der Stand der Jewrhtikoi in seiner Entwicklung. Titel etwa Socrates und die Tragoedie. 3 [5] Der Selbstmord ist philosophisch nicht zu widerlegen. Er ist das einzige Mittel, von dieser augenblicklichen Configuration des Willens loszukommen. Warum sollte es nicht erlaubt sein, etwas wegzuwerfen, was das zufälligste Naturereigniß minutlich zertrümmern kann? Ein kalter Lufthauch kann tödtlich sein: ist eine Laune, die das Leben wegwirft, nicht immer noch rationeller als so ein Lufthauch? Es ist doch nicht das absolut Dumme, das es wegwirft. Die Hingabe an den Weltprozeß ist eben so dumm als die individuelle Willensverneinung, weil ersterer bloß ein Euphemismus für Prozeß der Menschheit ist und mit deren Absterben für den Willen gar nichts gewonnen ist. Eine Menschheit ist etwas eben so Kleines wie das Individuum. Wenn der Selbstmord auch nur ein Experiment ist! Warum nicht! Zudem hat die Natur dafür gesorgt, daß nicht zu viele zu dieser That schreiten und die wenigsten aus reiner Erkenntniß des Alles ist eitel. Die Natur verstrickt uns nach allen Seiten: die Pflichten, die Dankbarkeiten, alles dies sind Schlingen des allmächtigen Willens, in denen er uns fängt. 3 [6] Der Sokratismus ist das ununterbrochene Opferfest der alten Tragödie. Die Vollendung auf allen ihren Stufen in der griechischen Poesie. Das wahre Zeichen der Gesundheit ist der schöne Tod, die Euthanasie: und das ist das Charakteristikum der griechischen Künste und Dichtarten, Und der Tod des Musikdramas ist schrecklich: es hat keine edle Nachkommenschaft. Dies weist auf eine Schwäche in seinem Wesen hin. Jene Nachkommenschaft versteht ihren Anschluß an Euripides. Die richtige Beurtheilung des Euripides muß uns die Schwäche zeigen. Die Trauer über den Verlust geht durch die Dichtungen der Komiker. Man zankt sich über den Werth der Dichter: man gesteht Liebhaberei zu, im Gegensatz zum besseren Wissen. Der Zuschauer war auf die Bühne gekommen. Die Poesie war verloren gegangen: man suchte sie. In die Unterwelt schickte man die verhungerten Epigonen, um dort sich Brosamen zu suchen. Der tragische Untergang besteht in der Entartung. 3 [7] Gegen die Gedanken- und Gefühlslauheit der vergleichenden Philologie, aber auch der klassischen Philologie. Das zu Grunde liegende System von Anschauungen und Urtheilen in der klassischen Philologie (z. B. in der Homerfrage). 3 [8] Weltanschauung des Hegelschen Zeitalters. 3 [9]
3 [10] Die vollkommene Erkenntniß tödtet das Handeln: ja wenn sie sich auf das Erkennen selbst bezieht, so tödtet sie sich selbst. Man kann kein Glied rühren, wenn man vollkommen erst erkennen will, was zur Rührung eines Gliedes gehört. Nun ist die vollkommene Erkenntniß unmöglich und deshalb ist auch das Handeln möglich. Die Erkenntniß ist eine Schraube ohne Ende: in jedem Moment, wo sie eingesetzt wird, beginnt eine Unendlichkeit: deshalb kann es nie zum Handeln kommen. Dies gilt alles nur von der bewußten Erkenntniß. Ich sterbe, sobald ich die letzten Gründe eines Athemzuges nachweisen will, bevor ich ihn thue. Jede Wissenschaft, welche sich eine praktische Bedeutung beilegt, ist noch nicht Wissenschaft, z. B. die Nationalökonomie. 3 [11] Der Zweck der Wissenschaft ist Weltvernichtung. Dabei geschieht es allerdings, daß die nächste Wirkung die von kleinen Dosen Opium ist: Steigerung der Weltbejahung. So stehen wir jetzt in der Politik in diesem Stadium. Es ist nachzuweisen, daß in Griechenland der Prozeß im Kleinen schon vollzogen ist: obwohl diese griechische Wissenschaft nur wenig bedeutet. Die Kunst hat die Aufgabe, den Staat zu vernichten. Auch dies ist in Griechenland geschehen. Die Wissenschaft löst nachher auch die Kunst auf. (Eine Zeit scheint es demnach, daß Staat und Wissenschaft zusammengehen, Zeitalter der Sophistenunsre Zeit.) Kriege dürfen nicht sein, damit endlich einmal das immer wieder neu angefachte Staatsgefühl einschlafe. 3 [12] Das Spiel mit dem Rausche: Apollo als Sühngott. Der dionysische Mensch sah sich verzaubert, er sah auch die Umgebung verzaubert. Künstlerische Nachhülfe durch die Maske (Kothurn) und die Dekoration, beide täuschen nicht als scheinende Künste. Aberwenn wir nun ein wenig in den Rausch kommen, so glauben wir an die Wirklichkeit, an eine verzauberte Welt. Dasselbe gilt von der Mimik, der Tanzgeberde: sie ahmt jene instinktiv nur wenig nach: das Kunstwerk kommt dem Rausche entgegen: erfordert nicht seine höchsten Grade: es entladet ihn. Die Musik ist nicht die ganz orgiastische, aber sie ist rauschvoller als die apollinische. Der Chor ist nicht das Volk, aber ein Symbol der Masse. (jetzt kommt nur noch der Einzelne zum dionysischen Rausche.) Das Ganze ist eine Entladung dieser Triebe: daß sie vorhanden sind, ist Voraussetzung. 3 [13] Ausbildung der Symbolik des Tons: die Empfindung bei manchen Klängen wird durch Übung festgebannt. Der Text wirkt hier sehr mit, z. B. 3 [14] In der Harmonie ist der Wille in der Vielheit, die zur Einheit zusammengeschmolzen ist. Dabei ist der Charakter jedes Tones ein wenig diskrepant in den mitklingenden Obertönen: so ist der Charakter jedes Einzelwesens ein wenig dem Gesammtwesen diskrepant. 3 [15] Aus dem Schrei mit der begleitenden Geberde ist die Sprache entstanden: hier wird durch den Tonfall, die Stärke, den Rhythmus das Wesen des Dinges, durch die Mundgeberde die begleitende Vorstellung ausgedrückt, das Bild des Wesens, die Erscheinung. Unendlich mangelhafte Symbolik, nach festen Naturgesetzen gewachsen: in der Wahl des Symbols zeigt sich keine Freiheit, sondern der Instinkt. Ein gemerktes Symbol ist immer ein Begriff: man begreift, was man bezeichnen und unterscheiden kann. 3 [16] Schrei und Gegenschrei: die Kraft der Harmonie. Im gesungenen Lied paßt der Naturmensch seine Symbole wieder dem vollen Ton an, während er nur das Symbol der Erscheinungen festhält: der Wille, das Wesen wird wieder voller und sinnlicher dargestellt. In der Erhebung des Affekts offenbart sich das Wesen deutlicher, darum tritt auch das Symbol, der Ton mehr hervor. Der Sprechgesang ist gewissermaßen eine Rückkehr zur Natur, immer das Erzeugniß einer höheren Erregung. Nun aber ein neues Element: die Wortfolge soll Symbol eines Vorgangs sein: die Rhythmik, die Dynamik, die Harmonie werden wieder in der Potenz nöthig. Allmählich beherrscht der höhere Kreis immer den kleineren, d. h. es wird eine Wahl der Worte, eine Stellung der Worte nöthig. Die Poesie beginnt, ganz in der Herrschaft der Musik.
durch sie zum Ausdruck kommen sollen? Der Sprechgesang ist nicht etwa Reihenfolge der Wortklänge: denn ein Wort hat einen ganz relativen Klang und Ton: es kommt ganz auf den Inhalt an: wie der Klang zum Wort, so verhält sich die Melodie zur Wortfolge. D. h. durch Harmonie Dynamik und Rhythmik ist ein größeres Ganzes entstanden, dem das Wort eingeordnet wird. Lyrik und Epos: Weg zum Gefühl und zum Bild. 3 [17] Wenn jede Lust Befriedigung des Willens und Förderung desselben ist, was ist die Lust an der Farbe? was die Lust am Ton? Die Farbe und der Ton müssen den Willen gefördert haben. 3 [18] Hartmann: p. 200. Nur soweit die Gefühle und Gedanken übersetzt werden können, nur so weit sind sie mittheilbar, wenn man von der immerhin höchst dürftigen instinktiven Geberdensprache absieht: denn nur so weit die Gefühle und Gedanken zu übersetzen sind, sind sie in Worten wieder zu geben. Wirklich? Geberde und Ton! Mitgetheilte Lust ist Kunst. Was bedeutet die Geberdensprache: es ist Sprache durch allgemein verständliche Symbole, Formen von Reflexbewegungen. Das Auge schließt sofort auf den Zustand, der die Geberde erzeugt. So steht es mit den instinktiven Tönen. Das Ohr schließt sofort. Diese Töne sind Symbole. 3 [19] Gefühle sind Strebungen und Vorstellungen unbewußter Art. Die Vorstellung symbolisirt sich in der Geste, die Strebung im Tone. Die Strebung aber äußert sich entweder in Lust oder Unlust, in ihren verschiedenen Formen. Diese Formen sind es, welche der Ton symbolisirt. Formen des Schmerzes (plötzlicher Schreck) klopfen ziehen zucken stechen schneiden beißen kitzeln. Lust und Unlust und sinnliche Wahrnehmung sind zu sondern.
3 [20] Nachahmungsbewegungen: Abbilder. Miene und Geberde: Symbole prästabilirt, vor allem der Blick. Verstärkung der Miene und Geberde durch den Ton. Steigerung zum Genuß: Schönheitstrieb: Lust am Dasein in einer bestimmten Form. Was ist die Lust am Glänzenden, an der Farbe? Was die Lust am Ton? Wie ist Lust bei Mitleiden möglich? Mitleben Voraussetzung aller Lust: auch der aesthetischen Augenlust. Rhythmik schon symbolisch wirksam. Symbol die Übertragung eines Dinges in eine ganz verschiedene Sphaere. In der Musik fortwährender Übereinkommungsprozeß über die neue Symbolik: immerfort wird dieser wieder unbewußt. 3 [21] In der dionysischen Musik und Lyrik will sich der Mensch als Gattungswesen aussprechen. Daß er aufhört individueller Mensch zu sein, symbolisch dargestellt durch die Satyrnschwärme; er wird Naturmensch unter Naturmenschen. Er redet jetzt durch die Mimik (Symbolik) und ahmt das allgemein Menschliche nach. Die deutlichste Sprache des Genius der Gattung ist der Ton als Lock- und Weh-Stimme: dies ist das wichtigste Mittel, das Individuelle loszuwerden. 3 [22] Die Geburt der Tragoedie. 3 [23]
3 [24] Die großen Denker des tragischen Zeitalters denken über keine andern Phänomene nach als die, welche ebenfalls die Kunst erfaßt. 3 [25] In der Weltanschauung des Sophokles kam Apollo sowohl als Dionysus wieder zum Siege: sie versöhnten sich. Eine ungeheure Kluft war aufgethan zwischen der Welt der Schönheit ([des] Erhabenen)die zur tiefsten Weisheit gesteigert warund der Welt der Erhobenen, der Menschen. Die Wahrheit, deren erschreckliches Bild Dionysus in die Welt gebracht hatte, war, als göttliche Weisheit, wieder unerkennbar geworden: der Schein jener Götterwelt war nicht mehr der schöne Schein, sie erschien ungerecht, entsetzlich usw. Der Mensch glaubte an die Wahrheit der Götter; die Schönheit wurde wieder Sache des Menschen. 3 [26] Zu den Choephoren. 3 [27] Der alte Dithyramb rein dionysisch: wirklich verwandelt in Musik. Jetzt tritt die apollinische Kunst hinzu: sie erfindet den Schauspieler und den Choreuten, sie ahmt den Rausch nach, sie fügt Skene dazu, mit ihrem gesammten Kunstapparat sucht sie zur Herrschaft zu kommen: vor allem mit dem Wort, der Dialektik. Sie verwandelt die Musik in die Dienerin, in ein hdusma: 3 [28] Der berauschte Mensch als Kunstwerk ohne Publikum. Was empfängt das Kunstwerk? Womit erfassen wir das Kunstwerk? Mit Erkenntniß und Wollen zusammen. 3 [29]
3 [30] 3. Der tragische Gedanke. 3 [31] Der Fluch und das Gelächter. 3 [32] Die Tragödie ist die Naturheilkraft gegen das Dionysische. Es soll sich leben lassen: also ist der reine Dionysismus unmöglich. Denn Pessismismus ist praktisch und theoretisch unlogisch. Weil die Logik nur die mhcanh des Willens ist. 3 [33] Welches war die Absicht des Willens? der doch zuletzt einer ist. Der tragische Gedanke, Rettung vor der Wahrheit durch die Schönheit, unbedingte Unterwerfung unter die Olympischen aus entsetzlichster Erkenntniß, wurde jetzt in die Welt gebracht. Damit gewann der Wille wieder eine neue Möglichkeit zu sein: das bewußte Wollen des Lebens im Individuum, nach dem tragischen Gedanken natürlich nicht direkt, sondern durch die Kunst. Darum kommt jetzt eine neue Kunst, die Tragödie. Die Lyrik bis zu Dionysus und der Weg zur apollinischen Musik. Verzauberung: das Leiden tönt, im Gegensatz zum Handeln des Epos: das Bild der apollinischen Kultur wird durch Verzauberung vom Menschen dargestellt. Es giebt keine Bilder mehr, sondern Verwandlungen. Alles Übermäßige soll sich austönen. Der Mensch soll vor der Wahrheit schaudern: eine Heilung des Menschen soll erzielt werden: Ruhigwerden durch Austobenlassen, Sehnsucht nach dem Scheine durch schreckliche Erschütterungen. Die olympische Götterwelt ändert sich zur ethischen Weltordnung. Der arme Mensch wirft sich vor ihr nieder. 3 [34] Unser Schulwesen unter dem Einflusse mittelalterlicher Anschauungen, überhaupt unser ganzes Bildungswesen. 3 [35] Dionysos und Apollo. 3 [36]
3 [37] Das Scheinende, das Leuchtende, das Licht, die Farbe. Wie sich die Einzeldinge zum Willen verhalten, so die schönen Dinge zum Einzeldinge. Der Ton stammt aus der Nacht: Die Welt des Scheins hält die Individuation fest. Die Welt des Tons knüpft aneinander: sie muß dem Willen verwandter sein. Der Ton: ist die Sprache des Genius der Gattung. Der Ton als Lockstimme ins Dasein. Erkennungszeichen, Symbol des Wesens. Als Wehstimme bei Gefährdung des Daseins. Die Mimik und der Ton: beide Symbole für Willensbewegungen. 3 [38]
3 [39] Socrates und die griechische Tragoedie. 3 [40] Die apollinische Musikin rhythmischer Bedeutsamkeit den bildenden Künsten verwandt. Das Schwelgen des Gemüths war niemals Ziel der apollinischen Musik, vielmehr die pädagogische Wirkung. Dagegen die orgiastische Wirkung der Musik. In dem Charakter der versch[iedenen] Tonleiter zeigt sich instinktiv die HARMONIE. 3 [41] Die Musik und der tragische Gedanke. 3 [42] Die Religion für das Leben: ganz immanent: Religion der Schönheit als der Blüthe, nicht des Mangels. Weder Pessimisten noch Optimisten. Das Schreckliche. (Flucht aus der Welt.) Der tragische Gedanke, gemessen am Epos, widerspricht der Religion: eine ganz neue Erkenntniß: rein bei Sophokles. Dessen Charakter Woher diese Neuheit? Die dionysisch-musikalische Lyrik: nichts als erstrebte, durch Begriffe genauer bezeichnete Musik. Musik aus einem tragischen Stoff herausgeschlagennicht mehr das Schöne, sondern die Welt wird erklärt: darum entspringt aus der Musik der tragische Gedanke, der der Schönheit widerspricht. 3 [43] Weinverehrung d. h. Verehrung des Narcotismus. Dieser ist ein idealistisches Princip, ein Weg zur Vernichtung des Individuums. Wunderbarer Idealismus der Griechen in der Verehrung des Narcotismus. 3 [44] Das Sklaventhum der Barbaren (d. h. von uns). Arbeitstheilung ist Princip des Barbarenthums, Herrschaft des Mechanismus. Im Organismus giebt es keine trennbaren Theile. Individualismus der Neuzeit und der Gegensatz im Alterthum. Der ganz vereinzelte Mensch [ist] zu schwach und fällt in Sklavenbande: z. B. einer Wissenschaft, eines Begriffs, eines Lasters. Nicht durch Steigerung der erkennenden Bildung wird ein Organismus stark, vielmehr schwach. Sondern in fortwährender Bethätigung ohne Erkenntniß. Naivetät der Alten in der Unterscheidung von Sklaven und Freien: wir sind prüde und eingebildet: Sklaventhum unser Charakter. Die Athener wurden fertig, weil sie allseitig beansprucht wurden, die Grenze der Bedürfnisse war nicht so eng. Aber alle diese Bedürfnisse waren allgemeine. 3 [45] Die griechische Welt eine Blüthe des Willens. Wo kamen die auflösenden Elemente her? Aus der Blüthe selbst. Der ungeheure Schönheitssinn, der die Idee der Wahrheit in sich aufsaugte, ließ sie allmählich frei. Die tragische Weltansicht ist der Grenzpunkt: Schönheit und Wahrheit halten sich die Waage. Zunächst ist die Traeödie ein Sieg der Schönheit über die Erkenntniß: die Schauer einer sich nahenden jenseitigen Welt werden künstlerisch erzeugt und damit ihr auflösendes Übermaß vermieden. Die Tragödie ist das Ventil der mystischpessimistischen Erkenntniß, dirigirt vom Willen. 3 [46] Das Wesen der Musik als Wesen der Weltdie pythagoreische Anschauung. Die Dichtkunst. 3 [47] Platos Feindseligkeit gegen die Kunst ist etwas sehr Bedeutendes. Seine Lehrtendenz, der Weg zum Wahren durch das Wissen, hat keinen größeren Feind als den schönen Schein. 3 [48] Goethe sagt: bei einer Weltlitteratur hat der Deutsche am meisten zu verlieren. 3 [49] Der Mensch erst Mensch, wenn er spielt, sagt Schiller: die olympische Götterwelt (und das Griechenthum) sind Repräsentanten. 3 [50] Entstehung der Lesepoesie , durch Plato fixiert (durch den anJrwpoV JewrhtikoV). 3 [51] Der Pessimismus ist die Folge der Erkenntniß vom absolut Unlogischen der Weltordnung: stärkster Idealismus wirft sich in Kampf gegen das Unlogische mit der Fahne eines abstrakten Begriffs, z. B. Wahrheit, Sittlichkeit usw. Sein Triumph Leugnung des Unlogischen als eines Scheinbaren, nicht Wesentlichen. Das Wirkliche ist nur eine idea. Das Dämonische Goethes! Es ist das Wirkliche, der Wille, anagkh. Der absterbende Wille (der sterbende Gott) zerbröckelt in die Individualitäten. Sein Bestreben ist immer die verlorene Einheit, sein teloV immer weiteres Zerfallen. Jede errungene Einheit sein Triumph, vornehmlich die Kunst, die Religion. In jeder Erscheinung höchster Trieb sich zu bejahen, bis sie endlich dem teloV verfällt. 3 [52] Gründung eines höchsten Menschheitstribunals: der platonische Staat ist zur Wirklichkeit geworden. Aber aus ihm ist die Kunst verbannt. Diese will ihn jetzt bezwingen. 3 [53] §. Die Teleologie der Tragödie für das Hellenenthum. 3 [54] Die Schönheit ist ganz und gar im Gebiet der Musik unbetheiligt. Rhythmik und Harmonie sind die Haupttheile, die Melodie ist nur eine Abbreviatur der Harmonie. Die verklärende Macht der Musik, bei der alle Dinge verwandelt aussehen. 3 [55] Weltvernichtung durch Erkenntniß! Neuschaffung durch Stärkung des Unbewußten! Der dumme Siegfried und die wissenden Götter! Pessimismus als absolute Sehnsucht zum Nichtsein unmöglich: nur zum Bessersein! Die Kunst ist ein sicheres Positivum gegenüber dem erstrebenswerthen Nirwana. Die Frage ist nur für die idealistischen Naturen gestellt: Bezwingung der Welt durch positives Thun: erstens durch Wissenschaft, als Zerstörerin der Illusion, zweitens durch Kunst, als übrigbleibende einzige Existenzform: weil durch das Logische unauflösbar. 3 [56] Sokrates und die griechische Tragödie. 3 [57]
3 [58] Der Traumdas Vorbild der Natur für die bildenden Künste. Die Verzückung (Rausch)für die Musik. 3 [59] Hauptfrage: wie konnte die Tragödie bei den Hellenen bestehen? Warum bei den Athenern? Warum verfiel sie? 3 [60] Einzige Möglichkeit des Lebens: in der Kunst. Sonst Abwendung vom Leben. Völlige Vernichtung der Illusion ist der Trieb der Wissenschaften: es würde Quietismus folgenwäre nicht die Kunst. Deutschland als eigentlicher Orakelsitz der Kunst. Ziel: eine staatliche KunstorganisationKunst als ErziehungsmittelBeseitigung der spezifisch wissenschaftlichen Ausbildungen. Die Auflösung der noch lebenden religiösen Empfindungen ins Bereich der Kunstdies das praktische Ziel. Bewußte Vernichtung des Kriticismus der Kunst durch vermehrte Weihe der Kunst. Dies als Trieb des deutschen Idealismus nachzuweisen. Also: Befreiung von dem Überherrschen anJrwpoV JewrhtikoV. 3 [61] Feste setzen Triebe voraus: später verstimmen sie durch die Convention und die Gewohnheit, beim Nachlassen der Kraft. Frühlingsfeste als Freiheits- und Gleichheitsfeste, Wiedervereinigung mit der Natur. 3 [62] Der Hellene ist weder Optimist noch Pessimist. Er ist wesentlich Mann, der das Schreckliche wirklich schaut und es sieh nicht verhehlt. Eine Theodicee war kein hellenisches Problem, weil das Erschaffen der Welt nicht die That der Götter war. Die große Weisheit des Hellenismus, die auch die Götter mit als der anagkh unterwürfig verstand. Die griechische Götterwelt ist ein wehender Sehleier, der das Furchtbarste verhüllte. Es sind die Künstler des Lebens sie haben ihre Götter, um leben zu können, nicht um sich dem Leben zu entfremden. Wichtig der Idealismus der Lebenden zum Leben. Ein Kreuz mit Rosen umhüllt, wie Goethe in den Geheimnissen. 3 [63] Wie die griechische Kunst das Weib idealisirt hat. 3 [64] Der mythologische Trieb schwindet nicht: er spricht sich in den Systemen der Philosophen, der Theologen usw. aus. 3 [65] Der mythologische Trieb in einer schwächeren Manifestation. Wo war die Tragödie vor ihrer Geburt? Z. B. in der Oedipus-, Achilles- usw. -sage. 3 [66] Gegen Aristoteles, der die oyiV, und das meloV nur unter die hdusmata der Tragödie rechnet: und ganz bereits das Lesedrama sanktionirt. 3 [67] Geschichte des Christenthums. 3 [68] upokrithV ist der Erklärer Ausdeuter, der dithyrambische Chor wurde durch erklärende Erzählungen unterbrochen, um Vorgeschichte und Ursachen der orgiastischen Erregung kund zu thun. Daher drama upokrinesJai vom Schauspieler. Aristoteles, Rhet. III 1, 3. Curtius faßt es als agwnisthV und zwar nach dem Chore. Rh. Mus. 22, 515. 3 [69] Die griechische Aufklärung: durch Reisen. Herodot: wie viel hat er gesehen! Reconstruktion des ihm zeitgenössischen Dramas und Lebens aus seinen Vergleichungen. 3 [70] Name: Musikdrama verwerflich (nach Richard Wagner). 3 [71] Einleitung: das heitere materialistische Hellenenthum, von dem die Neueren träumen, zu geißeln! Die Tragödie und die tragische Weltanschauung: nur einmal national! Die großen melagcolikoi. Die Gorgo und die Meduse. 3 [72] Die Erkenntnißlehre auf ihrem Höhepunkt bei den Eleaten. 3 [73] SOCRATES UND DER INSTINCT. I. Zur Ethik.
II. Zur Aesthetik.
III. Religion und Mythologie.
IV. Staatslehre, Gesetze, Volksbildung.
3 [74] Der Künstler als Lehrer. Das Hellenenthum, die einzige Form, in der gelebt werden kann: das Schreckliche in der Maske des Schönen. Polemische Seite: gegen das Neu-Griechenthum (der Renaissance, Goethe, Hegel usw.). 3 [75] Der platonische Dialog als Vater der Lesepoesie : Leseepos, Lesedrama, 3 [76] Das Hellenische seit Winckelmann: stärkste Verflachung. Dann der christlich-germanische Dünkel, ganz darüber hinaus zu sein. Zeitalter Heraklits Empedokles usw. war unbekannt. Man hatte das Bild des römisch-universellen Hellenismus, den Alexandrinismus. Schönheit und Flachheit im Bunde, ja nothwendig! Skandaleuse Theorie! Judaea! 3 [77] Die griechische Religion höher und tiefer als alle spätern; ihr Band mit der Kunst. Ihr Höhepunkt Sophocles: ihr Ziel Daseinsseligkeit bei pessimistischen Denkern. Die tragische Weltansicht nur einmal , z. B. bei Sophocles (dem pessimistischen eukoloV). 3 [78] Der Werth der Religionen von ihrem Ziel aus zu beurtheilen: ihr teloV im unbewußten Willen. 3 [79] Wesen des Deutschen: Dyscolie mit idealistischem Optimismus. 3 [80] Die griechische Schlauheit in ihren Verpuppungen. Die Bedeutung des Weibes für das ältere Hellenenthum. Wissenschaftliche Begeisterungen z. B. bei den Pythagoreern. 3 [81] Der Wille in seinem ungeheuren Bestreben zum unendlichen Dasein bejaht auf das Stärkste alles, was die Dauer des Daseins verbürgt. Z. B. das Christenthum. Die Moral. Er strebt nach einer Utopie. Er ist höchst universalistisch gesinnt, der Einzelne ist ihm nicht mehr werth, als er das Dasein zu fördern vermag. Auf die reine Gier zum Dasein gründet sich die Ethik. Das Einzige ihm nicht unbedingt Unterlegene ist die Abstraktion, ursprünglich ein Mittel, allmählich emancipirt. 3 [82]
3 [83] Die Wirkungen der Etymologie im Volke als Ansatz zur Sagenbildung: Mythus mit etymologischem Keim zu sammeln. Das ist aber nichts Vereinzeltes. Sondern in der Sprache scheint fortwährend die Bedeutung der Worte durch solche Etymologien sich zu verschieben. Die Bedeutungsentwicklung unter Einfluß falscher und richtiger Etymologie. Besonders in der Syntax. Ich denke daß der Casus der Ursprung aller syntaktischen Verbindung ist: auch für das Verbum das eigentl[ich] Weiterzeugende. 3 [84] Die vorplatonischen Philosophen.
3 [85] Zur Bildung. Die platonische Vorstellung. Das Zeugender Ruhmdie Bildung. Fortpflanzung des Namens damit verknüpft. Der Drang nach Fortpflanzung, der umso heftiger wird, je reicher der Fortpflanzungsstoff sich entwickelt. Darum zeigt sich, wer Fortzeugungsdrang in sich fühlt, so beeifert um das Schöne, weil es ihn, wenn es in seinem Besitz gelangt ist, von großem Wahne befreit. 3 [86]
3 [87] Ein Buch zur Aesthetik. 3 [88] Der Socratismus im alten Griechenland. 3 [89] Die begriffliche Moralität: die Pflicht. Was für den Einzelnen sich als Begriff der Pflicht erzeugt, ist übrigens doch nur Sache des Willens. 3 [90] Idealismus der Ethik, im Reinen gesagt ein Idealismus der Anschauung (Kant). 3 [91] Man kann nicht über den Willen weg: wie steht es bei den Asketen? Selbstmord? (Nur durch Berauschung oder Vernichtung des Bewußtseins möglich?) Nur im Streben nach glücklicherem Sein ist Selbstmord möglich. Das Nichtsein ist nicht zu denken. Die Tugenden der Abstraktion z. B. unbedingte Wahrhaftigkeit. Die asketischen Richtungen sind aufs Höchste wider die Natur und meist nur die Folge der verkümmerten Natur. Diese mag eine verschlechterte Rasse nicht fortpflanzen. Das Christenthum konnte nur in einer verkommenen Welt zum Siege kommen. 3 [92] Die meisten brennenden Fragen der klassischen Philologie sind leidlich unbedeutend gegenüber den centralen, die freilich nur wenige sehen. Wie gleichgültig, in welcher Reihenfolge die platonischen Dialoge geschrieben sind! Wie resultatlos die Echtheitsfrage bei Aristoteles! Auch die metrische Feststellung eines carmen ist etwas Geringes. 3 [93]
3 [94]
3 [95] Man kommt nicht über den Willen hinweg: die Moral, die Kunst stehen nur in seinem Dienste und arbeiten nur für ihn. Vielleicht ist die Illusion, daß es gegen ihn geschehe, nothwendig. Der Pessimismus ist unpraktisch und ohne die Möglichkeit der Konsequenz! Das Nichtsein kann nicht Ziel sein. Der Pessimismus ist nur im Reiche des Begriffs möglich. Es ist nur erträglich zu existieren mit dem Glauben an die Nothwendigkeit des Weltprozesses. Dies ist die große Illusion: der Wille hält uns am Dasein fest und wendet jede Überzeugung hin zu einer Ansicht, die das Dasein ermöglicht. Dies ist der Grund, weshalb der Glaube an eine Vorsehung so unvertilgbar ist, weil er über das Übel hinweghilft. Ebendaher der Unsterblichkeitsglaube. |