Nachlass
Herbst 1880 6 [1-230] 6 [1] Verglichen mit den Bramanen kennen wir die Menschheit nur in einer ungeheuren Ermattung ihres Kraftgefühls und ihres Glaubens an sich: selbst bei unsern stolzesten Philosophen. 6 [2] Menschen deren Trieb durch längere Enthaltung nur unmäßig geworden ist, so daß sie dann eben so sehr die Herrschaft darüber verlieren; z. B. Lord Byron im Essen. [Vgl. Lord Byron: Vermischte Schriften, Briefwechsel und Lebensgeschichte 3 Bde. hg. von Ernst Ortlepp (Stuttgart), 2, 31.] 6 [3] Die Geschichte der Wissenschaft zeigt den Sieg der edleren Triebe: es ist sehr viel Moralität in Umlauf in der Praxis der Wissenschaft. 6 [4] Welche Triebe constituiren das Individuum? Bei einem Grade von Dummheit gehen die I[ndividuen] an einander zu Grunde. Ebenso bei einem Schwinden der fundamentalen Triebe und Ersetzung derselben durch Altruism. Bei gewissen Eigenschaften der anderen I[ndividuen] muß man den Gegensatz oder Fremdheit fühlen oder sie gar nicht fühlen: oder harmonische Nebenklänge oder grundlegende Bewegungen, an denen unsere Bewegungen erst ein Maaß bekommen. Die Musik der Individuen die Contrapunktik. Reizvoll kann sein: das Pärallellaufen, das Zulaufen zweier Linien in einen Winkel usw. die Arabeske der Linie, die öfter wie neckend die andere gerade Linie berührt und sofort verläßt. Mit W[agner] habe ich mich gekreuzt: wir liefen mit großer Inbrunst auf einander zu, es gab ein Aufleuchten, und darauf mit der gleichen Schnelligkeit wieder auseinander, immer mehr. 6 [5] Man erreicht einen Höhepunkt seiner Unredlichkeit: und da werden wir uns verhaßt und wenden den Spiegel gegen uns und haben nun Vergnügen auch bei dem Anblick des Häßlichen, denn wir rächen uns dabei, oder haben Ekel an der Sättigung der Berauschung durch Illusionen. Wahrheitstrieb! 6 [6] Die Griechen litten am meisten beim Anblick der Häßlichkeit, die Juden bei [dem] der Sünde, die Franzosen beim Anblick des ungeschickten geistarmen brutalen Selbstdeshalb idealisirten sie das Gegentheilund dieses Ideal bildete sie selber um. Rache für das LeidMotiv für die Bildung der Götter und künstlerischen Vorbilder. Der Mangel an berückender Sinnlichkeit macht die deutschen Maler zu Enthusiasten des Sinnlichen. Das Leiden an der Gluth der Leidenschaft hat die Italiäner zu Verehrern des kalten künstlichen Formalism gemacht: und zu Verehrern der Jungfrau M[aria] und des Christus. Schopenhauer idealisirte das Mitleiden und die Keuschheit, weil er am meisten von dem Gegentheil litt. Der unabhängige Mensch ist das Ideal des abhängigsten, impressionabelsten. Dies sind die unerfüllbaren Ideale, wirklich falsche Phantasmen: ihr Anblick entzückt und demüthigt: dieser Zwitterzustand ist bezeichnend für die Menschen des unerfüllten Ideals. Es ist ihr Höhepunkt: sie ruhen dann über ihrem Wehe, mit einem verächtlichen Blick nach unten. 6 [7] Oft wird ein Trieb mißverstanden, falsch gedeutet z. B. der Geschlechtstrieb, der Hunger, die Ruhmsucht. Vielleicht ist die ganze Moral eine Ausdeutung physischer Triebe. 6 [8] In jener Stunde wo wir nicht wissen, wie bös und wie gut wir uns sind und uns Beides unredlich scheint 6 [9]
mehr Lügner als falsch. 6 [10] Ah, welche Gewalt, welchen Zauber übt die Wissenschaft auf leidenschaftliche Geister aus! Gewiß sehen sie in ihr eine wunderbare Magie und werden hier zu Phantasten. Welch schönes Kopfkissen ist der Zweifel für einen wohlgeformten Kopf! 6 [11] die Kluft, welche uns von dem, der Geld erwerben will Arbeiter Handwerker Künstler trennt, nicht abzuleugnen: von alters her vererbt. 6 [12] man muß Zeit haben, um sich lieben zu machen: und selbst wenn ich nichts zu thun hatte, hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß ich daran nichts zu verlieren habe Napoleon. 6 [13] Napoleon hat Romane gemacht und seine Träumereien hinterher am Compaß seines Raisonnements gemessen Durch den Gedanken warf ich mich in eine ideale Welt 6 [14] ich habe immer die Analyse geliebt, und wenn ich ernstlich verliebt war, zerlegte ich meine Liebe Stück für Stück 6 [15] die Zeit und die Umstände waren seinen guten Seiten ungünstig, sie brachten sie nicht zur Entwicklung. 6 [16] Der Mensch, den man beständig bestechen muß sagte Napoleon von Savary, er traute ihm unbedingt, weil er ihn so von allen anständigen Leuten isolirt hatte und ihn in seine Hände gegeben wußte. vom Intellekt der vollkommene Diener seines Herrn, Duroc (Duc de Frioul): kalt schweigsam undurchdringlich, er dachte nie außerhalb seiner Aufgabe, er schmeichelte nicht, vollendete Genauigkeit, ein treuer Spiegel der Umgebung für seinen Herrn und des Herrn für seine Umgebung; keine Freunde, kein Bedürfniß der Unterhaltung, kein Vergnügen zu prüfen, ob sein Herr ein großer Mann sei oder nicht, gleichgültig über alles, keine Langeweile, kein Enthusiasmus. Trocken kalt, ganz persönlich, ohne eine Leidenschaft in Bezug auf Andere, geistreich und geschickt in bestimmten Kreisen. 6 [17] Nur der Jugend kommt es zu, Geduld zu haben: denn sie hat die Zukunft vor sich sagt Napoleon. Alles war in dieser (ital[ienischen]) Armee zu machen, Menschen und Dinge 6 [18] Das Nützliche kann kein letztes Ziel sein, kein Princip der Moralität, das Angenehme auch nicht (welche Art des Angenehmen ist vorzuziehen?) die letzten Ziele sind gar nicht auf einmal durch Begriffe zu erreichen: wir können immer nur Ziele so weit sehen, als wir Triebe vorher haben. Wie weit unsre Triebe wachsen können, weiß niemand. 6 [19] der trockene und eisige Ton des Unzufriedenen 6 [20] die unverschämte Form der Marktschreierei, wodurch unsere Zeit alle anderen übertrifft. Nie hat ein athenischer Künstler 6 [21] In Frankreich weiß man niemals Interesse an den Dingen zu nehmen, wenn man Interesse an den Personen nimmt Napoleon. Die Gewohnheit einer alten Monarchie hat euch gewöhnt alles zu personificiren. Ihr wißt nichts ernst zu nehmen, Vielleicht ausgenommen die Gleichheit. Und man würde noch gerne darauf verzichten, wenn jeder sich schmeicheln könnte der Erste zu sein. Man muß allen die Hoffnung geben, sich zu erheben 6 [22] Napoleon sagte, die Zeit in Aegypten sei die schönste seines Lebens gewesen, denn sie war die idealste. Alles was er träumte, konnte er ausführen. Die Civilisation genirte ihn nicht. 6 [23] Haupt-Unterschied: den Einen schwebt ein Musterzustand der Dinge außer ihnen vor, wo diese auf das angenehmste für sie auf ihnen gleichsam spielen (die Politiker Socialisten usw.) Den Anderen ein Musterzustand ihrer selber, wo sie auf den äußeren Dingen und Menschen auf das angenehmste für sie spielen: letzteres das Ideal der produktiven Nat[uren] ersteres das der lästig Arbeitenden: sie wollen lieber Passiva sein! Die einen die Herrschsüchtigen und die anderen die Sklaven. Die ersteren zweifeln nicht, wenn sie so und so sein werden, daß sie dem Weltinstrument die herrlichsten Töne entlocken werden: und die letzteren zweifeln nicht, daß, wenn alles fest geordnet und frei vom Individuum (dem Herrscher) gemacht wird, alles vorherzusehen ist und sie lauter angenehme Eindrücke vom Leben haben werden. Ausdrückliche und eindrüchkliche Menschen 6 [24] Was hat die Revolution gemacht? Die Eitelkeit. Was wird sie beenden? Wiederum die Eitelkeit. Die Freiheit ist ein Vorwand. 6 [25] Er endete plötzlich seine Rolle als bonhomme und fügte mit der Trockenheit eines Herrn einen Befehl hinzu, der keine Gelegenheit verliert, zu befehlen. 6 [26] Napoleons schwache Seite: er konnte nicht den Gedanken der Niederlage irgendworin ertragen. Weil seine Seele ohne Adel war und er die großen Gefühle nicht kannte, welche über ein schlechtes Geschick hinaus gehen, wendete er seinen Gedanken von dieser schwachen Partie von sich ab: er heftete dagegen seinen Geist auf seine bewunderungsw[ürdige] Anlage, mit dem Erfolg sich zu vergrößern. Sein Glück war sein persönlicher Aberglaube (Je réussirai!) und der Cult, zu dem er sich gegen dasselbe verpflichtet glaubte, legitimirte in seinen Augen alle Opfer, welche er uns auflegen sollte. 6 [27] Der Widerstand gegen das Verbrechen ist derart uns angeboren, daß wir sehr leicht bei einem an die Nothwendigkeit glauben, in der er sich befand es zu begehen. 6 [28] Die schwache Anhänglichkeit eintauschen gegen die wirkliche Furcht, welche er einflößte: man bewunderte die Kühnheit seines Spiels. 6 [29] Ihr habt andere Zeiten gesehen: ich, ich datire von der, wo ich anfing etwas zu sein Napoleon 6 [30] Ich habe keinen Haß, ich bin nicht im Stande, etwas aus Rache zu thun: ich entferne einfach was mich genirt! sagte Napoleon in Bezug auf die Hinrichtung des Herzogs von Enghien 6 [31] Unsere Triebe toben sich in den Listen und Künsten der Metaphysiker aus, sie sind die Apologeten des menschlichen Stolzes: die Menschheit kann ihre verlorenen Götter nicht verschmerzen! Gesetzt, diese Leidenschaft rast sich aus: welcher Zustand der Ermattung, der Blässe, der erloschenen Blicke! Das höchste Mißtrauen gegen den Intellekt als Werkzeug der Triebe: die Nachgeburt des Stolzes ist die Skepsis. Die peinliche Inquisition gegen unsere Triebe und deren Lügnerei. Es ist eine letzte Rache, in dieser Selbstzermalmung ist der Mensch immer noch der Gott, der sich selber verloren hat. Was folgt auf diese gewaltsame Skepsis? Die Erschöpfung, die zweite Erschöpfung, ein Greisenthum: alle Vergangenheit wird matt empfunden, die Verzweiflung selber wird zur Historie, und zuletzt ist das Wissen um alle diese Dinge noch ein genügender Reiz für diese Greise. Diese ganze Geschichte spielt sich in immer wenigeren Köpfen ab. Aber der Verlust des Glaubens wird ruchbar unter allen Übrigenund nun folgt nach: das Aufhören der Furcht, der Autorität, des Vertrauens, das Leben nach dem Augenblick, nach dem gröbsten Ziele, nach dem Sichtbarsten: eine umgekehrte Bewegung leitet sich ein. Das Vertrauen ist noch am größten für das, was dem früheren Ziele am entgegengesetzt[est]en ist! Ein Versuchen und Experimentiren, ein Gefühl der Unverantwortlichkeit, die Lust an der Anarchie! An die Stelle des Stolzes ist die Klugheit getreten. Die Wissenschaft tritt in ihren Dienst. Eine gemeinere Gattung von Menschen bekommt das Regiment (statt der noblesse oder der Priester): erst die Kaufleute, nachher die Arbeiter. Die Masse tritt auf als Herrscher: das Individuum muß sich zur Masse lügen. Nun werden immer noch solche geboren, die in früheren Zeiten zu der herrschenden Klasse der Priester, Adels, Denker gehört hätten. Jetzt überschauen sie die Vernichtung der Religion und Metaphysik, Noblesse und Individual-Bedeutung. Es sind Nachgeborene. Sie müssen sich eine Bedeutung geben, ein Ziel setzen um sich nicht schlecht zu befinden. Lüge und heimliche Rückflucht zum Überwundenen, Dienst in nächtlichen Tempeltrümmern sei ferne! Dienst in den Markthallen ebenfalls! Sie ergreifen die Theile der Erkenntniß, welche durch das Interesse der Klugheit nicht gefördert werden! Ebenso die Künste, welchen der moderne Geist abhold ist! Sie sind die Beobachter der Zeit und leben hinter den Ereignissen. Sie üben sich, sich frei von der Zeit zu machen und sie nur zu verstehen, wie ein Adler, der darüber fliegt. Sie beschränken sich zur größten Unabhängigkeit und wollen nicht Bürger und Politiker und Besitzer sein. Sie reserviren hinter allen Vorgängen die Individuen, erziehen siedie Menschheit wird sie vielleicht einst nöthig haben, wenn der gemeine Rausch der Anarchie vorüber ist. Pfui über die, welche sich jetzt zudringlich den Massen als ihre Heilande anbieten! Oder den Nationen! Wir sind Emigranten. Wir wollen auch das böse Gewissen für die Wissenschaft im Dienste der Klugen sein! Wir wollen bereit sein! Wir wollen Todfeinde derer von den Unseren sein, welche zur Verlogenheit Zuflucht nehmen und Reaktion wollen! Es ist wahr, wir stammen von Fürsten und Priestern ab: aber eben deshalb halten wir unsere Ahnen hoch, weil sie sich selber überwunden haben. Wir würden sie schänden, wenn wir ihr Größtes verleugneten! Was gehen uns also die Fürsten und Priester der Gegenwart an, welche durch den Selbstbetrug leben müssen und wollen! 6 [32] Dieselbe Unsicherheit und Skepsis, die der Schiffer in Betreff seiner Fahrt hat, ob sie gelingt, zur rechten Zeit unternommen, müssen wir in Betreff aller Pflichten haben. Ich bin nicht absolut verpflichtet, so leicht ist es mir nicht gemacht. Wir experimentiren mit unseren Tugenden und guten Handlungen und wissen nicht sicher, daß es die nothwendigen sind, in Hinsicht auf das Ziel. Wir müssen den Zweifel aufrichten und alle moralischen Vorschriften anzweifeln. Überdies sind sie so grob, daß keine wirkliche Handlung einer solchen Vorschrift entspricht: das Wirkliche ist viel complicirter. 6 [33] Napoleon war heiter, er genoß im Geheimen den kleinen Zwang, welchen das neue Ceremoniell unter uns allen schuf. 6 [34] Fremd zu sein jeder Intrigue: fast ein Fehler an Höfen Was Fürsten am wenigsten verzeihen: daß man in ihrem Dienste einige Mittel beobachtet ihrer Macht zu entschlüpfen 6 [35] Es giebt da nicht genug Pomp: es würde nicht Staub in die Augen werfen sagte Napoleon zu Herrn von Rémusat, als dieser einen Plan vorlegte wie das neue Kaiserthum zu schmücken sei 6 [36] Ich, für mich allein, bin die ganze Revolution indem er seine Person erhielt, hütete er dazu alles das, was nützlich war, nicht zu zerstören. Er wollte die Franzosen blenden und betäuben, durch alle Mittel auf einmal. Er liebte den Pomp des alten Regimes, er meinte, daß so der Parvenu noch besser unsichtbar werde. 6 [37] Vengeons nous, par en médire Montaigne 6 [38] Es ist immer nur eine sehr kleine Zahl Menschen die sich erlauben den Erfolg zu tadeln. Die Schmeicheleien tragen den Sieg über die Kritik davon. 6 [39] Die Musik hat keinen Klang für die Entzückungen des Geistes; will sie den Zustand von Faust und Hamlet und Manfred wiedergeben, so läßt sie den Geist weg und malt Gemüthszustände, die höchst unangenehm sind ohne Geist und gar nicht zum Ansehen taugen; sie vergröbert und malt die Mißvergnügtheit und den Jammer, vielleicht mit musikalischem Geiste; aber wie schrecklich ist diese Kunst, wenn sie ohne Auswahl das Häßliche malt: welche Martern sind den Tönen zu eigen, den aufdringlichen Tönen! Liegt es daran, daß unter den Musikern ein feiner und wohlgestalteter Geist überhaupt selten ist? Daß sie das Fühlen in sich nie isoliren und seine Strahlenbrechung und Farbigkeit im Blitz des Gedankens nicht kennen? Sie müssen alle Zustände vergröbern, gleichsam ins Unmenschliche zurückübersetzen: wie als ob die Gedanken und die Worte noch nicht erfunden seien. Dies ist übrigens ein großer Reiz: es ist Urnatur in der Musik: sie gehört in die Zeit, wo man die wilde Natur der Landschaft verehrt und die Hochgebirge entdeckt hat. Einer Gesellschaft, welche den geistigen Genüssen nicht gewachsen ist, welche selbst zu gedankenarm für Gemälde ist, und überhaupt ihre Kopf-Kraft schon verthan hat, wenn sie sich anschickt, sich zu ergötzen, bleibt der Appell an die Gefühle und Sinne: und in diesen bietet der Musiker die anständigste Ergötzung. Schon gemeiner ist der Theatergenuß, mit dem Conterfei menschlicher Vorgänge und dem groben Reize der direkten Nachahmung aufregender Scenen. Ein Schritt weiter: und wir haben, zur Erholung, die Erregung der Triebe durch Getränke, usw. Der Dichter steht höher als der Musiker, er macht höhere Ansprüche, nämlich an den ganzen Menschen: und der Denker macht noch höhere Ansprüche: er will die ganze ges[ammelte] frische Kraft und fordert nicht zum Genießen sondern zum Ringkampf und zur tiefsten Entsagung aller persönlichen Triebe auf. 6 [40] Ich habe den Mann geliebt, wie er wie auf einer Insel lebte, sich vor der Welt ohne Haß verschloß: so verstand ich es! Wie fern ist er mir geworden, so wie er jetzt, in der Strömung nationaler Gier und nationaler Gehäßigkeit schwimmend, dem Bedürfniß dieser jetzigen, durch Politik und Geldgier verdummten Völker nach Religion entgegenkommen möchte! Ich meinte ehemals, er habe nichts mit den jetzigen zu thunich war wohl ein Narr. 6 [41] Wenn Napoleon heiter wurde, nahm er Garnisons-Gewohnheiten an und war ohne Maaß. 6 [42] Der Zufall bleibt immer ein Mysterium für die mittelmäßigen Geister und wird eine Realität für die höheren Menschen. Den Antheil des Zufalls mathematisch genau vorher feststellen: eine Dezimale mehr oder weniger kann alles ändern Mittelmäßige Leute werden zu einer gewissen Evidenz gebracht durch Umstände, die sie nicht geschaffen haben 6 [43] Pour être un veritable grand homme, il faut réellement avoir improvisé une partie de sa gloire et se montrer au-dessus de lévénement, qu on a causé. 6 [44] Tacitus ein geschickter Schriftsteller, aber selten ein Staatsmann 6 [45] Wenn Politiker wirklich geschickt sind, verstehen sie, sich zu Herrn ihrer Leidenschaften zu machen, denn sie gehen so weit, die Wirkungen davon zu berechnen 6 [46] der Staatsmann, eine vollkommen excentrische Persönlichkeit, immer allein von der einen Seite mit der Welt auf der anderen Während er die Dinge beobachtet und die oft so ungleichen Fäden gleichmäßig in seiner Hand laufen läßt, mit der größten Aufmerksamkeit daraufwie kann er sich damit amüsiren, gewisse Gefühls-Convenances zu schonen, die für den gewöhnlichen Menschen so wichtig sind! (Bande des Blutes, Affektion usw.) 6 [47] Die Energie der Spannung (zwischen Liebe und Haß) nie größer als bei Chr[isten] ihr Haß odium generis humani mehr als alles M[itleid] 6 [48] Das Gefühl und Glück der Hingebungaus dem Ende der Furcht, Eintritt der Sicherheit zu erklären (nicht aus dem weibl[ichen] Trieb) 6 [49]
6 [50] Mein Ziel ist nichts für jedermann, deshalb ist es doch mittheilbar, der Ähnlichen wegen sowohl als weil die Entgegengesetzten daraus Kraft und Lust gewinnen werden, sich ihr Wesen ebenfalls zu formuliren und in wirkenden Geist umzusetzen. Ich will allen, welche ihr Muster suchen, helfen, indem ich zeige, wie man ein Muster sucht: und meine größte Freude ist, den individuellen Mustern zu begegnen, welche nicht mir gleichen. Hol der Teufel alle Nachahmer und Anhänger und Lobredner und Anstauner und Hingebenden! 6 [51] der militärische Ruhm, welcher so lang in der Geschichte lebt, ist der, welcher am schnellsten für die Mitgenossen erlischt Napoleon nach dem größten Moment seiner Macht (Friede zu Tilsit) 6 [52] Napoleon sah im Kriege, das Mittel uns zu betäuben oder wenigstens zum Stillschweigen zu bringen. 6 [53] Der geschlechtliche Reiz im Aufsteigen unterhält eine Spannung, welche sich im Gefühle der Macht entladet: herrschen wollenein Zeichen der sinnlichsten Menschen. Der schwindende Hang des Geschlechtstriebes zeigt sich im Nachlassen des Durstes nach Macht: das Erhalten und Ernähren und oft die Lust am Essen tritt als Ersatz ein (Elterntrieb ist Erhalten Ordnen Ernähren, nicht Beherrschen, sondern Wohlbefinden sich und anderen schaffen) In der Macht ist das Gefühl, gern wehe zu thuneine tiefe Gereiztheit des ganzen Organismus, welcher fortwährend Rache nehmen will. Die wollüstigen Thiere sind in diesem Zustand am bösesten und gewaltthätigsten, sich selber über ihren Trieb vergessend. 6 [54] Liebe als Passion ist Verlangen nach absoluter Macht über eine Person: (z.B. wollen, daß man der einzige Gegenstand von Gedanken und Empfindungen sei) Der Liebende sieht die übrige Welt kaum und opfert alle anderen Interessen in diesem Machtdurste. An das Geliebtwerden glauben bringt eine tiefe Sättigung mit sich: wir werden als absolute Macht empfunden! 6 [55] Man muß den aphrodisischen Reiz und die Folgen seiner Befriedigung für die Fortpflanzung des Geschlechtes trennen: der Ausdruck Geschlechtstrieb enthält ein Vorurtheil 6 [56] Die Resorption des Samens durch das Blut ist die stärkste Ernährung und bringt vielleicht den Reiz der Macht, die Unruhe aller Kräfte nach Überwindung von Widerständen, den Durst nach Widerspruch und Widerstand am meisten hervor. Das Gefühl der Macht ist bis jetzt am höchsten bei enthaltsamen Priestern und Einsiedlern gestiegen (z. B. bei den Bramanen) 6 [57] Das Gefühl der Lust der Ergebung ist vielleicht weiblichund beider Gefühle sind beide Geschlechter fähig, aber ein Überschuß in jedem besonders. Gott weiß, mit welchen Eigenheiten der geschlechtlichen weiblichen Funktion es zu thun haben mag, daß ihre sinnliche Erregung nicht wesentlich als Wille der Macht sich äußert: beherrscht werden, dienen, sie fühlen sich schwächer durch die Liebe. Die Ernährung des Eierstockes fordert Kraft ab. 6 [58] Wer tiefer Empfindungen fähig ist, muß auch den heftigen Kampf derselben gegen ihre Gegensätze leiden. Man kann, um ganz ruhig und leidlos in sich zu sein, sich eben nur die tiefen Empfindungen abgewöhnen, so daß sie in ihrer Schwäche eben auch nur schwache Gegenkräfte erregen: die, in ihrer sublimirten Dünne, dann wohl überhört werden und dem Menschen den Eindruck geben, er sei ganz mit sich im Einklange. Ebenso im socialen Leben: soll alles altruistisch zugehn, so müssen die Gegensätze der Individuen auf ein sublimes Minimum reduzirt werden: so daß alle feindseligen Tendenzen und Spannungen, durch welche das Individuum sich als Individuum erhält, kaum mehr wahrgenommen werden können, das heißt: die Individuen müssen auf den blassesten Ton des Individuellen reduzirt werden! Also die Gleichheit weitaus vorherrschend Das ist die Euthanasie, völlig unproduktiv! Ebenso wie jene Menschen ohne tiefe Empfindungen, die liebenswürdigen ruhigen und sogenannten glücklichen, eben auch unproduktiv sind. Der Werth der Wissenschaft ist, eine ungeheure Gegenkraft zu sein: vielleicht entzündet sie, im Widerspruch zu ihr, wieder die Unlogik und Phantasterei immer von Neuem! Vielleicht ist dies nöthig! 6 [59] Die Menschheit hat kein Ziel, ebenso wenig wie die Saurier eins hatten, aber sie hat eine Entwicklung: d. h. ihr Ende ist nicht mehr bedeutend als irgend ein Punkt ihres Weges! NB. Folglich kann man das Gute nicht so bestimmen, daß es das Mittel zum Ziel der Menschheit wäre. Wäre es das, was die Entwicklung möglichst verlängerte? Oder was den Höhepunkt am höchsten brächte (zwischen auf- und absteigen, werden und vergehen)? Aber dies setzte schon wieder ein Maß für den Höhepunkt voraus! Und warum möglichst lang? Auch das setzt ein Gutes voraus z. B. die Lust des Daseins. Möglichst viel Lust als Ziel? Aber damit kann man nicht einmal sein Einzelleben dirigiren, denn wir kennen die Quellen der Lust, die Triebe, nicht in Bezug auf ihre innersten Bedürfnisse z. B. ob möglichst viel Lust nicht auch eine ungeheure Unlust voraussetzt? Oder möglichst wenig Unlust in der Entwicklung? Darauf strebt jetzt alles hinaber dies heißt auch eine möglichst unkräftige Entwicklung, eine allgemeine Selbstschwächung, ein blasses Abschiednehmen von der bisherigen Menschheit, bis an die Grenze, wo die Thiere wieder über uns Herr werden! Der matte Dusel ist über dies kein Ideal, welches große Opfer zu veranlassen vermöchteund doch wäre ein ungeheures Verzichtleisten zu fordern, wenn die Menschheit auf dieses Niveau steigen sollte! Es könnte dies aber wohl, ohne ein Ziel des Strebens zu sein, doch einmal das Ende sein! Oder ein irregewordener Stern erbarmt sich der Menschheit dann! 6 [60] der höchste Grad von Individualität wird erreicht, wenn jemand in der höchsten Anarchie sein Reich gründet als Einsiedler. 6 [61] der Durst nach Macht ist bezeichnend für den aufsteigenden Gang der Entwicklung, der Durst nach Hingebung für den absteigenden. Die Freuden des Alters haben im Tiefsten alle diese Hingebung an Dinge, Gedanken, Personen: der Aufstrebende herrscht. Der Kranke nimmt den Hang des Alters vorweg. 6 [62] Wir empfinden die Außenwelt immer verschieden, weil sie sich gegen den jedesmal in uns überwiegenden Trieb abhebt: und da auch dieser als etwas Lebendiges wächst und schwindet und nichts Verharrendes ist, so ist im kleinsten Momente unsere Empfindung der Außenwelt immer werdend und vergehend, also wechselnd. 6 [63] Das Urtheil ist etwas sehr Langsames im Vergleich zu der ewigen unendlich kleinen Thätigkeit der Triebedie Triebe sind also immer viel schneller da, und das Urtheil ist immer nach einem fait accompli erst am Platze: entweder als Wirkung und Folge der Triebregung oder als Wirkung des miterregten ertgegengesetzten Triebes. Das Gedächtniß wird durch die Triebe erregt, seinen Stoff abzuliefern. Durch jeden Trieb wird auch sein Gegentrieb erregt, und nicht nur dieser, sondern wie Obertonsaiten noch andere, deren Verhältniß nicht in einem so geläufigen Worte zu bezeichnen ist, wie Gegensatz. 6 [64] Wir empfinden peinlich, daß Jemand uns geringschätzt. In einem hohen Moment der Stimmung sehen wir auf diese peinliche Empfindung hin und zurück, wie auf etwas Fernes, das uns kaum noch angehört, die Empfindung z. B. wird fast zum Wissen darum: fast alle Dinge, von denen wir nur diese Empfindung des Wissens darum haben, scheinen uns ferner und außer uns, der leidende oder angenehme Trieb als Fundament darin ist uns kaum mehr bemerkbar. Aber er muß darin sein, das Gedächtniß merkt nur Thatsachen der Triebe: es lernt nur, was in einen Gegenstand eines Triebes verwandelt ist! Unser Wissen ist die abgeschwächteste Form unseres Trieblebens; deshalb gegen die starken Triebe so ohnmächtig. 6 [65] In Dingen des Geistes ist Jeder groß, der, als große Ausnahme, die Dinge des Wissens stark empfindet und gegen ferne Dinge sich so verhält wie gegen die nächsten, so daß sie ihm wehe thun. Leidenschaft erregen, große Erhebungen geben können, kurz daß sie mit den stärksten Trieben bei ihm verschmolzen sind. (Redlichkeit z. B. wäre wohl Neugierde Stolz Herrschsucht Milde Gtoßmuth Tapferkeit in Bezug auf Sachen, die für die Meisten ganz kalt und abstrakt bleiben) Passion für Abstrakta, und Unfähigkeit, ein Abstraktum sich fern und gleichgültig zu halten macht den Denker. 6 [66] Menschen gemartert durch einen Bußredner, wie ein Reh, das in Schlingen sich verfängt und unter wüthendem Rasen stirbt. 6 [67] Meine Aufgabe: alle Triebe so zu sublimiren, daß die Wahrnehmung für das Fremde sehr weit geht und doch noch mit Genuß verknüpft ist: der Trieb der Redlichkeit gegen mich, der Gerechtigkeit gegen die Dinge so stark, daß seine Freude den Werth der anderen Lustarten überwiegt, und jene ihm nöthigenfalls, ganz oder theilweise, geopfert werden. Zwar giebt es kein interesseloses Anschauen, es wäre die volle Langeweile. Aber es genügt die zarteste Emotion! 6 [68] Napoleon haßte nichts mehr in der Welt, als daß jemand die Fähigkeit zu urtheilen in Bezug auf ihn übte, oder überhaupt nur hatte. 6 [69] die Ruhe hat ihr gefehlt (Mad. de Staël): nach Rémusat une privation sans remède pour le bonheur et même pour le talent. 6 [70] das Ich ist nicht die Stellung Eines Wesens zu mehreren (Triebe, Gedanken usw.) sondern das ego ist eine Mehrheit von personenartigen Kräften, von denen bald diese, bald jene im Vordergrund steht als ego und nach den anderen, wie ein Subjekt nach einer einflußreichen und bestimmenden Außenwelt, hinsieht. Das Subjekt springt herum, wahrscheinlich empfinden wir die Grade der Kräfte und Triebe, wie Nähe und Ferne und legen uns wie eine Landschaft und Ebene aus, was in Wahrheit eine Vielheit von Quantitätsgraden ist. Das Nächste heißt uns ich mehr als das Entferntere, und gewöhnt an die ungenaue Bezeichnung ich und alles andere, tu, machen wir instinktiv das Überwiegende mentan zum ganzen ego und alle schwächeren Triebe stellen wir perspektivisch ferner und machen daraus ein ganzes Du oder Es. Wir behandeln uns als eine Mehrheit und tragen in diese socialen Beziehungen alle die socialen Gewohnheiten, die wir gegen Menschen Thiere Gegenden Dinge haben. Wir verstellen uns, setzen uns in Angst, machen Parteiungen, führen Gerichtsscenen auf, überfallen uns, martern uns, verherrlichen uns, machen aus dem und jenem in uns unseren Gott und unseren Teufel und sind so unredlich und so redlich als wir es in Gegenwart der Gesellschaft zu sein pflegen. Alle socialen Beziehungen auf den Egoismus zurückzuführen? Gut: für mich ist aber auch wahr daß alle egoistischen inneren Erlebnisse auf unsere eingeübten angelernten Stellungen zu Anderen zurückzuführen sind. Welche Triebe hätten wir, die uns nicht von Anfang an in eine Stellung zu anderen Wesen brächten, Ernährung z. B., Geschlechtstrieb? Das, was Andere uns lehren, von uns wollen, uns fürchten und verfolgen heißen, ist das ursprüngliche Material unseres Geistes: fremde Urtheile über die Dinge. Jene geben uns unser Bild von uns selbst, nach dem wir uns messen, wohl und übel mit uns zufrieden sind! Unser eigenes Urtheil ist nur eine Fortzeugung der combinirten fremden! Unsere eigenen Triebe erscheinen uns unter der Interpretation der Anderen: während sie im Grunde alle angenehm sind, sind sie doch durch die angelernten Urtheile über ihren Werth so gemischt mit unangenehmen Beigefühlen, ja manche werden als schlechte Triebe jetzt empfunden: es zieht hin, wohin es nicht solltewährend schlechter Trieb eigentlich eine contradictio in adjecto ist. Was will also Egoismus sagen! Wir können innerhalb unser selber wieder egoistisch oder altruistisch, hartherzig, großmüthig, gerecht milde verlogen sein, wehe thun oder Lust machen wollen: wie die Triebe im Kampfe sind, ist das Gefühl des Ich immer am stärksten dort, wo gerade das Übergewicht ist. 6 [71] Unbeschreiblicher Ekel, wenn unsere Gebildeten von der Nothwendigkeit einer idealen Bildung und einer Erneuerung der Religion phantasiren! dieses verlogene Gesindel, das bei Musik und Schauspiel wieder religiös werden will und sich in den Kopf setzt, sobald es nur wieder im Herzen zu zittern beginnt, alle Redlichkeit des Kopfes fahren zu lassen und sich kopfüber in den mystischen Schlamm zu stürzen! Recht der Gedanke einer durch Politik und Geldgier verdummten und servil gewordenen Generation! Denn ob man einem Napoleon oder dem Nationalitätsprincip dient, beides führt zur Sklaverei und zum schließlichen Ekel an sich: wohl dann der Religion! wohl den Künstlern, welche den Anstand einer freien geistigen Haltung nicht angeboren haben! Früher dachte ich: wir sind anderer Art, anderer Herkunft, nichts war mir fremder als mich diesen Strömungen der Nationalität und der Neigung zur Mystik anzubieten! Ich sah siemir ekelte damals und jetzt dafür. Allein sein! abseits leben! war immer meine Devise. Was geht es mich an, daß die, welche damals darin mir gleich gesinnt erschienen, jetzt alle sich dort anbieten! Hier die Gespensterfinger des Spiritisten, und der mathematisch-magische Taschenspieler, dort ein gehirnausbrennender Cultus der Musik, dort die wiedererweckten Gemeinheiten einer Judenverfolgungseht die allgemeine Übung im Hassen 6 [72] Diejenigen welche kommen mich zu besuchen werden mir eine Ehre erweisen: diejenigen welche nicht kommen, werden mir ein Vergnügen erweisen Augier. 6 [73] Napoleon nach dem ersten italienischen Feldzuge, zu einem Journalisten: denken Sie daran, in den Erzählungen unserer Siege immer von mir, immer von mir zu sprechen, hören Sie? 6 [74] Alle Moralisten sind einig in der allgemeinen Tendenz: wohin das Handeln streben müsse und was die Wohlfahrt der Menschheit seiich finde sie beherrscht von Einem Triebe und voll Vorurtheil darin. Die Herrschaft des Altruismus scheint mir die Menschheit zu Grunde zu richtenein Absterbeprozeß Euthanasie:vielleicht dienen also die Moralisten der allgemeinen Entwicklung: aber sie erwarten etwas Umgekehrtes! Ich will den Egoismus aufrichten und jene weise Einsicht, welche dem fremden Individuum nicht gerne ins Geschäft und Wesen greift: nur durch Noth sind wir altruistisch. 6 [75] Alle Moralisten haben gemeinsame Censuren über gut und böse, je nach sympathischen und egoistischen Trieben. Ich finde Cut, was einem Ziele dient: aber das gute Ziel ist Unsinn. Denn überall heißt es gut wozu? Gut ist immer nur ein Ausdruck für ein Mittel. Der gute Zweck ist ein gutes Mittel zu einem Zweck. Jedes Ziel 6 [76] Die Tugend der Reinlichkeit NB. Wurzel des Triebes der Schönheit 6 [77] Ein System des Lebens das nur auf Neigungen ruhen sollAltruism. Aber da müßte das Schicksal nur mit Akkorden auf uns spielenes hieße die Unvernünftigkeit des Daseins beseitigen und es zur menschlichen Vernunft machen. Und damit jeder nur Harmonien hörte, müßte jeder andere ihm gleich sein und keine anderen Bedingungen habenso aber würde die Neigung schwach und endlich unnöthig, weil alles schon ohne Erstreben sich anböte. 6 [78] Geht die edle Unabhängigkeit verloren, so werden alle Talente mattob es unter der Tyrannei Napoleons oder des Altruismus ist: Ende der Genies! 6 [79] mit dem alleinigen Geschmack für das Reale ist man zu nichts gut, weder in einer Farm noch in einem Palaste 6 [80] Unser Verhältniß zu uns selber! Mit Egoismus ist gar nichts gesagt. Wir wenden alle guten und schlechten gewöhnten Triebe gegen uns: das Denken über uns, das Empfinden für und gegen uns, der Kampf in unsnie behandeln wir uns als Individuum, sondern als Zwei- und Mehrheit; alle socialen Übungen (Freundschaft Rache Neid) üben wir redlich an uns. Der naive Egoismus des Thieres ist durch unsere sociale Einübung ganz alterirt: wir können gar nicht mehr eine Einzigkeit des ego fühlen, wir sind immer unter einer Mehrheit. Wir haben uns zerspalten und spalten uns immer neu. Die socialen Triebe (wie Feindschaft Neid Haß) (die eine Mehrheit voraussetzen) haben uns umgewandelt: wir haben die Gesellschaft in uns verlegt, verkleinert und sich auf sich zurückziehen ist keine Flucht aus der Gesellschaft, sondern oft ein peinliches Fortträumen und Ausdeuten unserer Vorgänge nach dem Schema der früheren Erlebnisse. Nicht nur Gott, sondern alle Wesen, die wir anerkennen, nehmen wir, selbst ohne Namen, in uns hinein: wir sind der Kosmos, soweit wir ihn begriffen oder geträumt haben. Die Oliven und die Stürme sind ein Theil, von uns geworden: die Börse und die Zeitung ebenso. 6 [81] Unser waches Leben ist ein Ausdeuten innerer Triebvorgänge mit Hülfe des Gedächtnisses an alles Empfundene und Gesehene: eine willkürliche Bildersprache davon, wie das Träumen von der Sensation im Schlafen. 6 [82] Wie das Leben für Andere entsteht! bei einem Diener, der zuerst mit Zwang und Strafen an das Interesse seines Herrn denkt, allmählich fällt ihm das eher ein als sein eigenes, weil er gemerkt hat, daß sein Wohl von dem des Herrn und der guten Stimmung desselben abhängt: endlich sieht er darnach wie der Gärtner nach den Pflanzen, sie sind ihm fortwährend gegenwärtig, gewöhnt, leicht, erleichternd, Grund seiner Freuden und Leiden. So der Stallknecht für sein Pferd, der Gelehrte für sein Thema, der Vater für sein Kind, der Kaufmann für sein Geld. Wir vergessen motivirende Gedanken und leben nach den eingeübten Gefühlen des Angenehmen Gewöhntendas soll moralisch sein! Gewiß [ist] es für Alle angenehm, Herren und Diener und somit wird es sehr gelobt, folglich viel Phantasterei der Gedanken darum gelegt, damit es als etwas Hohes erscheine! 6 [83] Wenn unsere Triebe gleich stark sind und nach entgegengesetzten Zielen uns ziehen, entsteht jener Kampf und jene Noth, welche die Moralisten so hoch stellen. Eigentlich ist für Viele die Tugend nichts werth, wenn sie nicht einen solchen Kampf macht d. h. man will, daß die entgegengesetzten Triebe ebenso stark seien! Ein Laokoon, der seine Schlangen zerdrückt! Eine pathetische Attitüde! 6 [84] Viel Wohlwollen bei denen, welche das Übel leicht vergessen, welche leicht zu erregen und zu beruhigen sind, unfähig einer langen Emotion, eines ernsten Nachdenkens, expansiv, etwas indiskret. 6 [85] lentraînement de ma destinée sagte Napoleon 6 [86] Erhabenheit der Seele! meistens ist es Exaltirtheit! 6 [87] streng in ihren Principien oder in den Gefühlen welche ihre Einbildungskraft erzeugt hatte 6 [88] die wirksamen Schriftsteller beweisen, daß Worte nur Andeutungen sind, daß man nichts vollenden dürfe und daß die Schriftsteller darin Vortheile vor den Malern haben. 6 [89] der Geometer Ampère: je crois que le monde extérieur a été créé tout simplement pour nous être une ocasion de penser. [Zitiert aus Ximénès Doudan: Melanges et lettres 2 Bde. (Paris: 1878), 350f.] 6 [90] Napoleon war Träumer, schweigsam, im Verkehr mit Frauen gezwungen, aber passionirt und hinreißend, obschon fremdartig in seiner ganzen Person, als er jung war. Seine Anfälle von düsterer und drohender Eifersucht. 6 [91] Gleichheit im Humor, Milde und natürliche Heiterkeit machen das glückliche Privatleben. Der letzte Grund: von nichts tief bewegt werden. Man nennt es Philosophie, wenn [sich] diese Indifferenz nicht nur in Bezug auf das, was die Andern interessirt, sondern in der Tribulation des Persönlichen zeigt. 6 [92] Ihre Einbildungskraft erhitzte sich bei den Pflichten, die ihr auferlegt seien, sie schrieb sich die peinlichsten Opfer vor, gerade weil sie das Unglück hatte den Gemahl nicht zu lieben. Sie war aufmerksam darauf, ihm zu gefallen, als wenn sie ihn geliebt hätte. 6 [93] Non consilia a casu differo, das Schicksal treibt sie, die Absichten sind schwach. [Übersetzung aus Ximénès Doudan: Melanges et lettres 2 Bde. (Paris: 1878), 566.] 6 [94] Napoleon verstand es aus der tiefsten Ruhe in den höchsten Zorn überzugehen, wenn es ihm nützlich schien. Mein Zorn ist niemals über das da hinausgegangen sagte er zum Abbé de Pradt auf seinen Hals deutend (cou). Er findet ein Mittel seine Leidenschaften zu erheucheln obgleich sie wirklich existiren sagte Talleyrand. 6 [95] Napoleon hatte Anfälle von Empfindung vergoß Thränen, aber es machte ihm hinterdrein einen schlechten Humor. Wenn mein Blut nicht mit seiner beständigen Langsamkeit schlägt, laufe ich Gefahr, zum Narren zu werden. Nach Corvisart hatte er wenige Pulsschläge. Aber er klagte über intraitable Nerven. Er behauptete er verstünde absolut nicht, was es hieße der Kopf dreht sich mir 6 [96] Er hatte ein geheimes Vergnügen Furcht zu erregen und zittern zu machen. Denn: die Unruhe reizt den Eifer, er vermied, sich vor Personen und Menschen zufrieden zu zeigen: une petite terreur de detail war immer im geheimsten Innern seines Palastes 6 [97] Er hatte die Miene, die Ruhe ohne Aufhören zu hassen, für sich und die Anderen. 6 [98] Hatte die Gesellschaft einen ruhigen Gang des Gesprächs, so änderte er plötzlich den Ton durch ein herrisches Wort und stellte den Unterredner wieder auf den Platz vor ihm, nämlich in seine Furcht. 6 [99] Der wahrhaft Glückliche ist der, welcher sich vor mir im Grund einer Provinz verbirgt und wenn ich sterbe, wird die Welt ein großes ouf! machen. 6 [100] Wenn er einen Dienst bezahlte, ließ er merken, daß er einen neuen kaufte. Er wollte niemals die Schulden seiner Frau in Ordnung bringen, um Gelegenheiten sich zu erhalten, sie zu beunruhigen. 6 [101] Napoleons Mutter war von sehr mittelmäßigem Geiste. 6 [102] romantische Einbildungskraft mit völliger Trockenheit des Herzens verbunden bei Louis Bonaparte. Seine erheuchelten Tugenden geben mir ebensoviel Hinderniß wie die Laster Luciens sagte Napoleon von ihm. 6 [103] Lafontaine: Et la grâce plus belle encore que la beauté. 6 [104] Die wilden Thiere sollen über sich weg sehen lernen, und in den Andern (oder Gott) zu leben suchen, sich möglichst vergessend! So geht es ihnen besser! Unsere Moraltendenz ist nur noch die der wilden Thiere! Sie sollen Werkzeuge großer Maschinerien außer ihnen werden und lieber das Rad drehen als mit sich zusammen sein. Moralität war bisher Aufforderung sich nicht mit sich zu beschäftigen, indem man sein Nachdenken verlegte und sich die Zeit raubte, Zeit und Kraft. Sich niederarbeiten, müde machen, Joch tragen unter dem Begriff der Pflicht oder der Höllenfurchtgroße Sklavenarbeit war die Moralität: mit der Angst vor dem ego. 6 [105] Es wäre eine Zeit zu denken, wo die Menschheit um die Gattung zu erhaltenund das soll ja eine Pflicht sein!alle Arten höheren Lebens von sich werfen müßte, und sich auf immer niedrigere beschränken, weil jene zu kostspielig und unfruchtbar machend ausfallen: wie ein alter Mann seinen besten Thätigkeiten entsagen muß, um zu leben. Aber wie! ist denn Leben eine Pflicht! Unsinn! ihr Physiologen! die Menschen sind so erbärmlich geworden, daß auch die Philosophen gar nicht die tiefe Verachtung merken, mit der das Alterthum und das Mittelalter diesen selbstverständlichen Werth der Werthe, das Leben behandeln! 6 [106] Der Haupterfolg der Arbeit ist die Verhinderung des Müssigganges der gemeinen Naturen, auch z. B. der Beamten, Kaufleute, Soldaten usw. Der Haupteinwand gegen den Socialismus ist, daß er den gemeinen Naturen den Müssiggang schaffen will. Der müssige Gemeine fällt sich und der Welt zur Last. 6 [107] die Nachtfröste einer Geliebten 6 [108] Ich schlage das Bild vor: reizt es euch, so werdet ihr es nachahmen müssen. Nicht die Ziele, sondern die Befriedigung des bereits vorhandenen Triebes zwingt zu dieser oder jener Moral. Nicht die Vernunft! wenn nicht im Dienste eines Triebes! 6 [109] Aus welchen erbärmlichen Elementen der deutsche Socialismus besteht in seinen Führern, ist daraus zu ersehen, daß keiner die volle Enthaltung von geistigen Getränken gefordert hatund doch ist diese Plage viel verhängnißvoller als irgend ein socialer Druck! 6 [110] die bösen Triebe sind durchaus nicht unangenehm, sondern böse und gute sind angenehm. Sie werden unangenehm nur durch das 1) Übermaß und 2) in ihrem Gehemmtsein durch andere Triebe. Beherrscht uns z. B. die Meinung von der Schändlichkeit der Wollust (der Trieb der Ehe als Grundlage) oder die von den bösen Folgen im jenseits, so wird der Trieb uns unangenehm beigemischt, ja er kann wie etwas rein Ekelhaftes empfunden werden. Ebenso kann der Hang zum Mitleid als erbärmliche Schwäche und als unangenehm empfunden werden. Das Denken, maßlos, wirkt als Schmerz, selbst beim Enthusiasten des Denkens; das Übermaaß ist eine erzwungene Äußerung des Triebes, d.h. die Hemmung des vergehenwollenden (müden) Triebesalso auch Hemmung der Entwicklung. Alle Entwicklung lustvoll. 6 [111] das Genie das Erzeugniß glücklicher Zufälle: seine Bedingungen weiß man nicht voraus. Die reine Begünstigung im Sinne der bisherigen Moralität macht durchaus kein Genie und keine Fruchtbarkeit; von der Erziehung und Verwendung der bösen Triebe und Zufälle weiß die Moral nichts, desto mehr die praxis. Es ist unmöglich, Genies absichtlich zu förderndann müßte man sie durch und durch kennen. Frauen, in ihrer Absicht der Förderung, richten sie gewöhnlich zu Grunde. 6 [112] Welche entsetzliche Lage früher! Unsicherheit der Erkenntniß auch in der Moral, und ewige Gefahren! Das war eine ruhige unbefangene Art dem Gedanken und der Wahrheit nachzuhängen!! Unter der Peitsche der Furcht vor der Hölle! Oder in der Furcht vor der Sünde gegen die ewige Liebe, vor dem Zweifel an der Offenbarung!! 6 [113] Die paradoxe Tugend z. B. Großmuth als ein Wunder angestaunt und sehr verehrt! Anders jene, die den Zwang eines Triebes fühlen und deren Herrschsucht stolz sich gegen ihn wehrt, die deshalb ins Gegentheil umschlagen. Anders, die welche mehr von der Befriedigung erwarteten und, enttäuscht, an dem Triebe sich rächen. Anders: sich schwach feige gezwungen vor der Todesfurcht fühlen und in Verachtung seiner selbst das Gegentheil von dem thun, was die Todesfurcht räth. 6 [114] die Motive der Moralgesetzgeber für ein Gesetz und deren Umwandlung in denen, welchen das Gesetz gegeben wird NB 6 [115] Die angeblichen Wirkungen moralischer Gefühle, während deren Erscheinen selber schon eine Wirkung des beruhigten Nervensystems usw. ist, nicht die Quelle der Beruhigung NB. 6 [116] Alle Menschen bemühen sich, ihrer Pflicht einen unbedingten Charakter zu geben: sie fühlen sich erniedrigt bei dem Gedanken, daß sie einem Menschen, Fürsten Staate Partei aus Furcht sich opfern und einem anderen Intell[ekt] ihren Int[ellekt] unterordnen: sie wünschen, daß eine nicht mehr beschämende Übergewalt existirt, die ihnen gebietet, sich so unter[zu]ordnen, eine absolute Pflicht, ein Wort Gottes (z. B. seid gehorsam der Obrigkeit) Auch jetzt noch suchen die Moralphilosophen die Ethik endgültig zu fundamentiren: ohne dies, fühlen sie, hat man kein Recht zum großen Pathos, zu schönen Attitüden als Politiker und Socialist. Man muß ein Wesen haben, dem man unbedingt sich anvertraut sagt Luther d. h. wir wollen uns selber unbedingt vertrauen dürfen und unsere Handlungen als indiskutabel und absolut erhaben der Welt gegenüber stellen. Eitelkeit! 6 [117] Das was uns oft zwingt (und zwar mit dem Gefühl der Zustimmung, obschon es kein angenehmer Zwang ist!) nennen wir Pflicht. Durch häufige Übung entsteht daraus eine angenehme Gewöhnung: und dann ist es Lügnerei, noch von seiner Pflicht zu reden. Aber es geschieht fast immer. Fast jeder stellt seine Thätigkeit als eine unangenehme Sache vor, er will wegen seiner Selbstüberwindung d. h. wegen seiner Macht bewundert werden. Es giebt so viele erlogene Unannehmlichkeiten des Daseins! Ebenso viele erlogene Annehmlichkeiten, bei Fürsten Frauen Festen Müssiggängern Reisenden Christen Tugendhaften Völkern Parteien Philosophen Schriftstellern: man stellt sein Glück aus, meist um damit weh zu thun, Neid zu erregen. 6 [118] Der Versud sämmtliche moralischen Triebe in den religiösen Tr[ieben] aufzulösen: Gott befiehlt und seinetwegen thut man etwas. Es ist nicht moralisch mehr. Daß man Gott fürchtet oder liebt, ist nicht eine Folge der Moralität, sondern eine Überlegung des Vortheils. Dies ist der christliche Standpunkt. Es soll nur religiöse Handlungen geben, alle Motive sind egoistisch, und die religiöse Handlung selber wird aus Egoismus gethan. Oder: jede Handlung ist böse. Also auch die religiöse. Deshalb Gnadenwahl! Dagegen sagen die Quietisten: ich handle nicht mehr um meinetwillen, sondern um Gottes willen. Welcher Tiefstand der Selbstkenntniß! Welche Unredlichkeit gehört dazu! Man ermesse es an der Frau, die sagt ich thue alles um meines Geliebten willen! Es ist nicht wahr! ja selbst dies um des G[eliebten] willen thut sie um ihrem Triebe zu folgen und nicht seinem. Denn da würde sie handeln wie er: was unmöglich ist. Sie kann nur nach dem Bilde des Geliebten handeln, das sie sich von ihm macht: ihr Erzeugniß wird gewiß nicht = dem Geliebten, sondern ein Stück von ihr. 6 [119] In jedem kleinsten Augenblick giebt es in uns eine absolute Nothwendigkeit des Geschehens. Könnten wir diese einsehen, so könnten wir sie für jeden Fall mit dem Namen unbedingter Pflicht belegen, wenn wir durchaus uns frei lügen wollten! Wir sagen: ich will, wo wir [sagen] müßten: ich muß: und sagten voraus, was eben geschehen wird, mit der Miene eines Wahrsagers und Pflichthelden. Dies wäre die Spitze aller Verlogenheit. Glücklicherweise weiß man jene Causalität nie : und ich will heißt immer wenn ich kann. Es ist meine Pflicht heißt: unter der Bedingung daß ich die Kraft habe, wird es gehen. Der Sonne befehlen aufzugehen, wenn sie gerade aufgeht, das ist die Freiheit unserer Tugendhaften. Wenn wir fühlen, daß ein belobtes und beliebtes Motiv in uns wirkt, dann zu sagen ich will! (soll heißen: ich befehle mir) 6 [120] da alle unsere Handlungen absolute Nothwendigkeiten sind, und ebenso absolute Unbekannte für uns, so ist jedes du sollst unbedingt in den Wind geredet. Weder können wir anders als wir müssen, noch können wir im Einzelnen controliren, ob etwas geschehen ist, was wir sollten. 6 [121] Die unangenehmen, an sich leidenden Individuen sollen die Tendenz zum Staate, zur Gesellschaft, zum Altruismus haben! Und die angenehmen, sich trauenden Individuen sollen den entgegengesetzten Trieb von jener Moralität weg, haben! NB NB 6 [122] Die Skepsis hat ihre Parallele: lieber hungern als etwas Ekelhaftes essen. Die Ansichten der Autoritäten sind uns ekelhaft gewordenlieber verhungern! Dies ist eine seltene Passion: die Skepsis ist eine Passion. 6 [123] Zu wissen, dies ist gesund, dies erhält am Leben, dies schädigt die Nachkommenist durchaus noch kein Regulativ der Moral! Warum leben? Warum durchaus froh leben? Warum Nachkommen? Gesetzt, es wäre dies alles angenehmer als das Gegentheil, sterben, krank sein, ohne Nachkommen isolirt sein: so wäre vielleicht irgend etwas angenehmer als diese Annehmlichkeiten z. B. das Gefühl seiner Ehre oder einer Erkenntniß oder einer Wollust, deretwegen wir das Sterben oder die Krankheit oder die Einsamkeit wählen müßten. Warum die Gattung erhalten? Man verweist uns an die Triebe: aber es giebt weder einen Trieb der Selbsterhaltung, noch einen Trieb der Gattungs-Erhaltung. Das Nicht sein könnte uns werthvoller scheinen als das Sein: dann hat die physiologische Ethik nichts zu sagen. Oder wir uns selber als der Staat die Gesellschaft, die Menschheit. Was bestimmt denn dies Wertherscheinen? Ein Trieb. Die Moral kann nur befehlend. h. durch Furchterregung sich durchsetzen (also mit Hülfe eines Triebes), oder sie kann mit Hülfe eines anderen Triebes sich legitimirensie setzt immer schon ihre unmittelbare Bewiesenheit und überzeugende Kraft voraus, sie kommt, wenn der Trieb und die Werthschätzung bestimmter Art schon da ist. Dies gilt von allen Ethiken. Auch ein Trieb, individuell zu leben, ist da: ich denke in seinen Diensten. Andere, die ihn nicht haben, werden zu nichts von mir verpflichtet werden können. Pflicht ist der Gedanke, durch den ein Trieb sich souverän über die anderen Triebe stelltimmer mit Benebelung des Verstandes! mit einem bestochenen Diener! 6 [124] Arrangire dich so, daß du das größtmögliche Glück von deinen Eigenschaften hast das ist albern! Denn ohne allen Befehl: genau dies erreicht ein Jeder, er mag leben, wie er willnämlich muß! Daß er Vorschriften und Kenntnisse des Nützlichen erlangt, erwerben will, verlernt, abweist, das alles ist ein nothwendiges Wirken seiner Natur. Die Moral kann nichts thun als Bilder des Menschen aufzustellen wie die Kunst: vielleicht daß sie auf diesen und jenen wirken. Sie kann sie, streng genommen, nicht beweisen. Höher und tieferdas sind schon Illusionen unter dem Eindruck eines moralischen Musters. Diese Bilder nämlich wirken als Reize, entzünden einen Trieb und verführen den Intellekt, ihm zu dienen. Nun ist unser Intellekt schon in einer bestimmten Höhe, ebenso unser Geschmack: also werden wir sehr viele Bilder abweisen,sie ekeln uns an: in einem gegebenen Augenblicke unserer Kräfte können wir nicht anders als diese Bilder nachahmen. Dieser psychologische Zwang erscheint uns oft als Pflicht: das Gefühl der unbedingten Nothwendigkeit, der Ausdruck der Causalität. Das innere Müssen. Z. B. in Hinsicht auf das Einmaleins, die Mechanik empfinden wir als Denker Pflicht, ebenso bei A = A : Menschen eines schlechten Intellekts fühlen hier den Zwang nicht. Natürlich ist dies subjektive Gefühl des Zwanges eben nur subjektiv. Viele Personen haben in nichts ein solches strenges Gefühl. Aber der Ekel, der uns befällt, beim Anblick von Maden, ist ein Zwang: einen solchen Zwang verschönern wir uns mit dem Worte Pflicht, wo wir genau wissen, daß gegenstrebende Zwange da sind.(??) 6 [125] Werde ein vernünftigerer freierer gefühlsvollerer, vollkommenerer Mensch, strebe nach der Vervollkommnung deiner Gattung? Worauf dies Gesetz gründen? Auf den Nutzen des Individuums oder des Collectivums. Manche sagen: alle Fähigkeiten entwickeln, indem man die welche Mittel und Organe sind denen unterordnet, die das eigentümliche Ziel der Menschen machen. Unsere Natur ist complex: man muß in ihr Thatsachen höherer und niederer Ordnung unterscheiden. Aber wodurch bin ich verpflichtet einem Ziele der Gattung zu folgen, wenn zufällig für mein Individuum die gewöhnliche Ordnung der Ziele und Mittel umgedreht ist? z. B. wenn ich mehr Hang zu den Freuden des Fleisches als denen des Geistes habe und einen eigenen Kopf, und das Bischen Geist eben das Mittel ist für meine Begierden? Hier hilft man mit metaphysischen Einfällen: die wahre Natur des Menschen, seine geistige Bestimmung und dergleichen. Du darfst ein Ziel wollen, wenn du es kannst. Ohne diese Bedingung: heißt es dem Menschen ein unbedingtes Vermögen geben, eine Kraft ohne Bedingung. Eine unbedingte Pflicht implicirt ein unbedingtes Vermögen sie zu erfüllen: sonst ist es eine Pflicht für ein anderes Wesen als ich, eine in der Luft aufgehängte Pflicht. Wer von Pflicht und Freiheit redet, setzt metaphysische Principien voraus. 6 [126] Es ist unwahr, daß die Religion die Moral gegeben hätteumgekehrt! Wir beweisen die Religion mit der Moral als wahr oder unwahr. 6 [127] Unsere moralischen Triebe drängen den Intellekt, sie zu vertheidigen und absolut zu nehmen, oder sie neu zu begründen. Unsere Selbsterhalt[ung]striebe treiben den Intellekt, die Moral als relativ oder nichtig zu beweisen. Es ist ein Kampf der Triebeim Intellekt abgespielt. Der Trieb der Redlichkeit tritt dazwischennebst den Trieben nach Aufopferung, Stolz, Verachtung: ich. 6 [128] der Erde Lust, der Erde Weh zu tragen [Vgl. Goethe: Faust 1, 465.] 6 [129] Unser nervöses Zeitalter prätendirt, daß eine ewige Erregtheit und Ungleichheit der Stimmung die großen Menschen auszeichne: sie wissen nichts von dem gleichmäßigen tiefen mächtigen Strömen nach einem Ziele zu: sie plätschern und machen Getöse und fühlen nicht die Erbärmlichkeit dieser launischen Erregbarkeit. 6 [130] Der Intellekt ist das Werkzeug unserer Triebe und nichts mehr, er wird nie frei. Er schärft sich im Kampf der verschiedenen Triebe, und verfeinert die Thätigkeit jedes einzelnen Triebes dadurch. In unserer größten Gerechtigkeit und Redlichkeit ist der Wille nach Macht, nach Unfehlbarkeit unserer Person: Skepsis ist nur in Hinsicht auf alle Autorität, wir wollen nicht düpirt sein, auch nicht von unseren Trieben! Aber was eigentlich will denn da nicht? Ein Trieb gewiß! 6 [131] Wie ein Baum sich entfalten kann, ist nur durch ein Musterexemplar zu beweisen. Ohne solches hat man keinen Begriff, ihn über das herkömmliche Maaß hinaustreiben zu wollen, und ist zufrieden. Die ausgezeichneten Menschen machen die anderen mit sich unzufrieden: 6 [132] wie Sand zwischen den Zähnen 6 [133] Ich höre den Ton eifersüchtiger Kater, in diesen neidischen Äußerungen 6 [134] Der Moralist, der eine Moral gründen will, wird getrieben, einen letzten Zweck anzugeben. Wenn ihr gesund sein wollt, so müßt ihr mäßig sein. Aber ihr müßt gesund sein wollen: denn es ist eine Bedingung, um glücklich zu sein oder um seine Ziele zu erfüllen oder usw. Ein neues Ziel zeigt sich hinter jedem Ziele: und der Moralist endet, den Zweck des Daseins angeben zu müssen. Ich könnte sagen: Zwecke des Daseins giebt es nicht, also ist eine Moralität um einen Zweck des Daseins zu erreichen nicht möglich. Aber man glaubte an solche Zwecke: und folglich konnte man eine Moral mit Forderungen gründen. Zuletzt entstehen nothwendig Arten und Gewohnheiten des Lebens und üben einen Zwang aus, weil es unangenehm ist, ihm zu widerstreben. 6 [135] Pflicht heißt: ein Ziel wollen nicht um eines anderen willen, sondern um seiner selbst willen: also ein absolutes Ziel. Der kategorische Imperativ, ein Befehl ohne Bedingungen. Darauf gründete Kant eine Metaphysik: denn giebt es ein Ziel ohne Bedingung, so kann dies nur das Vollkommene oder das unendliche Gut sein: gäbe es noch etwas Vollkommeneres, oder ein höheres Gut, so wäre es nicht ein Ziel ohne Bedingung. Also: eine metaphysische Annahme zu machen, wie Kant! 6 [136] Was ist das Gute für ein Wesen? Die Vollendung seines Zieles. Was ist das Ziel eines Wesens? Die Entwicklung seiner Natur. Natur, Ziel, Gut eines Wesensdrei Fragen, die sich logisch nachziehen: so daß das Gut durch das Ziel, das Ziel durch die Natur bestimmt wird. Wenn man die menschliche Natur durch Beobachtung und Analyse kennt, kann man davon das Ziel, das Gut, das Gesetz des Menschen ableiten. Denn das Gute zieht den Gedanken der Verpflichtung nach sich. Vacherot. Das heißt: das Ziel des Menschen ist die Entwicklung seiner Natur. Mensch sein und nicht Pferd. Das ist nichts. Da hilft man sich mit der wahren Natur einer Natur wie sie ihm sein soll, nicht wie sie ist. 6 [137] Ein Trieb ist stärker als der andere und bringt ihn sich zum Opfer z. B. wenn eine Mutter für ein Kind hungert und sorgt. Ganz falsch mit Spencer hierin, in der Pflege der Brut und schon in der Zeugung eine Äußerung des altruistischen Triebes zu sehen: nicht daß es ein Anderes ist, macht einen Unterschied. Man opfert seiner Rache z. B. sein eignes Kind. Oder man opfert seinem Kinde seine Racheje nachdem ein Gefühl stärker ist. Das Opferbringen hat nichts Altruistisches. 6 [138] Wer sehr abweichend denkt und empfindet, geht zu Grunde, er kann sich nicht fortpflanzen. Somit könnte es für den Grad der Individuation eine Grenze geben. In Zeiten, wo sie peinlich empfunden wird, wie in unserer (und wie in aller bisherigen moralischen Geschichte der Menschheit), vererbt sich der Trieb dazu schlecht. In Zeiten, wo sie lustvoll empfunden wird, übertreibt sie sich leicht und macht die äußerste Isolation (und verhindert dadurch die allgemeine Fruchtbarkeit der Menschheit) Je ähnlicher, desto mehr nimmt die Fruchtbarkeit zu, jeder trifft auf ein genügendes Weibchen: also Übervölkerung im Gefolge der Moral. Je unähnlicher, desto 6 [139] Unsere Musterbilder sind construirt nach dem, was uns an uns das meiste Vergnügen machen würde, wenn wir es erreichten, und was wir andererseits für möglich (im Bereich unserer Kräfte und unserer Lage) halten, zu erreichen. Ein Überblick über unsere Lustempfindungen, und über unsere Kraft und den Prozeß nebst Bedingungen ist die Voraussetzungeine hohe Leistung des Intellekts: meistens wird es eine Verzeichnung sein müssen! Deshalb lassen sich die Meisten ein Musterbild geben: und den Zwang dazu, es nachzubilden (Pflicht, eine Art geglaubter Kraft, anstatt einer erkannten) Das Verfehlen seines Bildes und die Verfehlung der Nachbildung macht viele schwere Unzufriedenheitdiese Malerei hat auch selten Meister. Man zeichnet sein Leben lang herum, um ein nachbildungsfähiges Muster zu erlangen: wir formen es nach dem, was wir erreicht haben und dekretiren es als das Musteroft aus Verzweiflung. 6 [140] Ehemals fragte man: ist der Gedanke wahr? jetzt: wie sind wir auf ihn gekommen? Welches war seine treibende Kraft? Entdecken wir 6 [141] Die Zeugung ist eine oft eintretende gelegentliche Folge einer Art der Befriedigung des geschlechtlichen Triebes: nicht dessen Absicht, nicht dessen nothwendige Wirkung. Der Geschlechtstrieb hat zur Zeugung kein nothwendiges Verhältniß: gelegentlich wird durch ihn jener Erfolg mit erreicht, wie die Ernährung durch die Lust des Essens. 6 [142] Die Verfeinerung der Intelligenz verfeinert auch unsere Bosheit, und die Lust am Intellekt giebt uns zuletzt auch Lust an der verfeinerten Bosheit der Anderen. Der Fortschritt besteht in dem Grade, als der Mensch Bosheit vertragen kann, ohne zu leiden. 6 [143] Christus trug nicht nur Gott, sondern auch den Satan in seinem Busen: das ist die Gegenrechnung bei diesem moralischen Hyperidealismus: die absolute Verdammung des Menschen, das odium generis humani. Um die Menschheit eines solchen Opfers eines Gottes werth zu fühlen, mußte man sie ins Tiefste verachten und vor sich herabwürdigen. 6 [144] die Moralität ist eine Summe von Irrthümern, welche sich an die Triebe angeschmolzen haben, so daß wenn der Irrthum gesagt wird, der Trieb sich regtübrigens wechselnd und ohne concordia. Diese Irrthümer beziehen sich auf das Handeln des Menschen vom Gesichtspunkt des Lobens- und Tadelnswerthen aus: und hinter Loben und Tadeln liegt die Voraussetzung, daß man den Zweck des Menschen kennt und ebenso daß man die Art des Handelns kennt und daß man an die Freiheit des H[andeln]s glaubt: ebenso daß man an die Identität der Menschen oder bestimmter Gruppen glaubt, also mit gleichwerthigen Pflichten und Handlungen: daß man wisse, was jenem letzten Zweck nützlich ist, was nicht. Es sind lauter Anmaaßungen des Intellekts. Aber die dadurch modificirten Triebe wollen ihre Befriedigung, und dies treibt Moralsysteme auch heraus, immer neue Versuche, diese Triebe nachträglich mit der Wahrheit im Einklang zu findenwährend die naiven Menschen alle anderen Erkenntnisse nach den moralischen Trieben auf ihre Wahrheit hin messen. Das Grundvorurtheil ist:das Moralische allein ist wahr. 6 [145] NB NB. Es giebt keinen Selbsterhaltungstriebsondern das Angenehme suchen, dem Unangenehmen entgehen erklärt alles, was man jenem Trieb zuschreibt. Es giebt auch keinen Trieb als Gattung fortexistiren zu wollen. Das ist alles Mythologie (noch bei Spencer und Littré). Die Generation ist eine Sache der Lust: ihre Folge ist die Fortpflanzung d. h. ohne Fortpflanzung würde sich diese Art Lust und keine Art Lust erhalten haben. Die geschlechtliche Begierde hat nichts mit der Fortpflanzung der Gattung zu thun! Der Genuß der Nahrung hat nichts mit der Erhaltung zu thun! 6 [146] Zu beweisen, daß egoistischer Herkunft sind a) die Liebe b) die Elternliebe c) der Wahrheitssinn d) die Gerechtigkeit. Allerdings ist die Voraussetzung, daß das Sinnenbild der Welt in allen Menschen nahe zu gleich ist, daß diese Art Irrthum mit höchster Gewalt sich vererbt hat. 6 [147] Wir können aus allen unseren Kräften viele Gestalten formen, oder auch die Absenz der Gestalt. Es giebt eine gewisse künstlerische Freiheit in der Vorstellung unserer Muster, die wir erreichen können. 6 [148] Moralisches Gesetz, Pflicht, moralische Freiheit, Unverletzlichkeit, absoluter Respekt vor der Personalles uns verboten, damit darf man sich nicht nähren. Ebenso Zwecke der Menschheit, Zweck des Individuumsdas ist nicht außer ihm zu bestimmen: es ist eine Annahme, ein mehr oder weniger willkürliches Programmwillkürlich in Bezug auf das Material, das zufällige Material seiner Kenntnisse von sich. 6 [149] Es giebt kein Gutes, kein Böses an sich. Die allgemeinen Wahrheiten der Moral wollten die Menschen einander identisch formendurch tief mit den Trieben verbundene Irrthümer. Wie der patriotische Irrthum sie gleich macht in der Beschränktheit von Liebe und nationalem Haß. 6 [150] Die wahre Natur des Menschenverbotene Wendung! 6 [151] Ich bin kein Mittel zu einem Zweckes giebt in der Natur weder Mittel, noch Zwecke. 6 [152] Es ist Unsinn, uns als Ursachen zu fassenwas wissen wir von Ursache und Wirkung! 6 [153] Lust und Schmerz: ist es wahr, daß das individuellste Wesen von sich am meisten Lust hätte? Ja, und noch mehr, wenn es den Reiz von lauter individuellen Wesen um sich hat. Wie aber verhindern, daß sie sich einander in die Sphäre greifen? Aber warum verhindern! Es muß Feindseligkeit geben, damit das I[ndividuum] ganz herrlich herauskommt, alle bösen Affekte müssen da sein. Die Moralität fortgedacht! Aber die zunehmende Erkenntniß, die zunehmende Lust aneinander, die überlegene Miene bei allen schlimmen Erlebnissen, die Ressourcen der vollen Individuen in Nothfällen, im Kampfe mit dem Unveränderlichen! Zuletzt: es giebt eben nur eine Zeit für das Aufblühen der Individuationund vielleicht muß die Menschheit an derMoral zu Grunde gehen. 6 [154] Du sollst nicht tödtenaber fortwährend tödten wir die Gedanken und Produkte Anderer, es ist nöthig, fortwährend lassen wir in uns etwas sterben, damit etwas anderes lebe. Wie das Leben des Menschen mit einem fortwährenden Absterbenlassen Hand in Hand geht: die Menschheit muß sich immer häuten. 6 [155] Der Geschlechtstrieb macht die großen Schritte der Individuation: für meine Moral wichtig, denn er ist antisocial, und leugnet die allgemeine Gleichheit und den gleichen Werth von Mensch zu Mensch. Er ist der Typus individueller Leidenschaft, die große Erziehung dazu: der Verfall eines Volkes geschieht in dem Maaße als die individuelle Passion nachläßt, und die socialen Gründe bei der Verheiratung überwiegen. Die Scheidung der Geschlechter ist nicht fundamental, die Zeugung ist nicht essentiell geschlechtlich, und gehört nicht zum Wesen des Lebendigen. Es ist ein sehr starker Ausdruck der individuellen Lust; je höher die Wesen sind, um so stärker wird das Individuelle daran. Generation ist die Wiederholung einer Zelle durch sich selber, eine Verlängerung und Reproduktion eine Art Überfülle, wo ein Theil der vollkommenen und reichlich ernährten Masse sich trennt und oft folgt eine Fortsetzung der Ernährung auch nach der Abtrennung. Die Generation ist eine Folge der Ernährung. 6 [156] Die Wurzel des Verstandes ist A = A? nein! A = B, der Glaube, daß zwei gleiche Dinge da sind. Die höchste Entwicklung des Verstandes geht darauf hin, es zu leugnen und sich selber somit anzuzweifeln und zu beschränken. 6 [157] Ist das letzte Ziel die Lust oder die Pflicht? so fassen jetzt alle das Problem. Einige sagen, es sei die logische Identität. Keine Handlung, die überhaupt möglich ist, ist ungereimt unlogisch im Sinne der Mathem[atiker] Physiker und Mechaniker. 6 [158] Sobald wir den Zweck des Menschen bestimmen wollen, stellen wir einen Begriff vom Menschen voran. Aber es giebt nur Individuen, aus den bisher bekannten kann der Begriff nur so gewonnen sein, daß man das Individuelle abstreift,also den Zweck des Menschen aufstellen hieße die Individuen in ihrem Individuellwerden verhindern und sie heißen, allgemein zu werden. Sollte nicht umgekehrt jedes Individuum der Versuch sein, eine höhere Gattung als den Menschen zu erreichen, vermöge seiner individuellsten Dinge? Meine Moral wäre die, dem Menschen seinen Allgemeincharakter immer mehr zu nehmen und ihn zu spezialisiren, bis zu einem Grade unverständlicher für die Anderen zu machen (und damit zum Gegenstand der Erlebnisse, des Staunens, der Belehrung für sie) 6 [159] Entwickle alle deine Kräfteaber d. h. entwickle die Anarchie! Gehe zu Grunde! 6 [160] Unsere Liebe zum Ideal ist die letzte Steigerung des Ernährungstriebes (ebenso Eigenliebe Eigenthumsliebe, das Bedürfniß der Macht, nach Mitteln für Leben und Gesundheit) [Paul Émile Maximilien] L[ittré: La science au point de vue philosophique (Paris: 1876)] 6 [161] Die Entwicklung des Geschlechtstriebes bis zur Höhe der Menschenliebe, des Mitleids, der Aufopferungnicht ein feindliches, sondern das höchste Gefühl der Menschheit. [Paul Émile Maximilien] Littré [La science au point de vue philosophique (Paris: 1876)]. Non! non! 6 [162] Die Identität des einen Menschen mit dem anderen erkennensoll Grundlage der Gerechtigkeit sein? Dies ist eine sehr oberflächliche Identität. Für die, welche Individuen erkennen, ist Gerechtigkeit unmöglichego. 6 [163] Der Fortschritt der Moral bestünde in dem überwiegen altruistischer Triebe über egoistische und ebenso der allgemeinen Urtheile über die individuellen? Ist jetzt der locus communis. Ich sehe dagegen das Individuum wachsen, welches seine wohl verstandenen Interessen gegen andere Individuen vertritt (Gerechtigkeit unter Gleichen, insofern es das andere Individuum als solches anerkennt und fördert); ich sehe die Urtheile individueller werden und die allgemeinen Urtheile flacher und schablonenhafter werden. Ich sehe die altruistischen Triebe am stärksten beim groben Egoism der Thiere (es ist eine Gattung von Bejahung der eigenen Lust), der altruistische Trieb ist ein Hinderniß für die Anerkennung des Individuums, er will den Anderen als uns gleich haben und machen. Ich sehe in der staatlichen und gesellschaftlichen Tendenz eine Hemmung für die Individuation, ein Ausbilden des homo communis: aber der gemeine und gleiche Mensch wird nur deshalb so begehrt, weil die schwachen Menschen das starke Individuum fürchten und lieber die allgemeine Schwächung wollen, statt der Entwicklung zum Individuellen. Ich sehe in der jetzigen Moral die Beschönigung der allgemeinen Schwächung: wie das Christenthum die starken und geistigen Menschen schwächen und gleichmachen wollte. Die Tendenz der altruistischen Moral ist der sanfte Brei, der weiche Sand der Menschheit. Die Tendenz der allgemeinen Urtheile ist die Gemeinsamkeit der Gefühle, das ist ihre Armut und Mattigkeit. Es ist die Tendenz nach dem Ende der Menschheit. Die absoluten Wahrheiten sind das Werkzeug der Nivellirung, sie fressen die charaktervollen Formen hinweg. 6 [164] der Geschlechtstrieb, drängt die Menschen von den anderen Menschen fort, er ist ein wüthender Egoism und keine Quelle socialer Gefühlenicht altruistisch!! 6 [165] Das Junge ist abhängig vom Erzeuger, ihm ähnlich, ihm verständlich, unterhaltend, sein Werkmehr noch, es ist 1. nichts Feindliches, 2. nichts Fremdes, 3. nichts Todtes: diese letzteren negativen Gründe mögen erst den Reiz für das Junge geschaffen haben. Es gab so wenig oder nichts in der Welt, welches in diesen 3 Punkten ihm glich. 6 [166] Die Redlichkeit in Betreff des Eigenthums nöthigt uns zu sagen, daß wir ganz zusammengestohlen sind, und daß wir allzustumpf und unfein hierin empfinden. Das Individuum hat einen falschen Stolz in Bezug auf Stoff und Farben: aber es kann ein neues Bild malen, zum Entzücken der Kennerdamit macht es sein Vergreifen an den Gütern der Welt wieder gut. Unsere Existenz so auffassen, daß wir etwas dafür zu leisten habennicht als Schuld, aber als Vorschuß und Schulden! Wir nähren uns von Allem, es ist billig, daß wir etwas zur Nahrung Aller zurückgeben. (Christus war nicht fein in diesem Gefühle, er theilte als Eigenes mit, was Andere vor ihm erdacht hatten) 6 [167] Man leidet und verunglimpft Dinge und Menschen!. Eine schöne Art Rache zu nehmen!, indem wir unser Urtheil schädigen! Wir sind es, die an uns selber die Rache üben, wenn wir Anderes verunglimpfen und ihm schaden. Wir trüben unsere Seele, gewöhnen sie an das Falschsehenund endlich 6 [168] Edel: bezeichnet, einer Auswahl angehören, Ausnahme sein. Für andere sich opfern ist ein Gelüst, mit dem man zur Ausnahme wird. In Hinsicht auf alle Anderen, welche dasselbe thun, ist man aber nicht edel, sondern gemein. Unter den Guten ist das Gute nicht als individuell taxirt, sondern als Regel, und wird deshalb nicht angestaunt, nicht gelobt. Einige sehnen sich nach einer Gemeinschaft, wo ihr Individuellstes als Regel empfunden wird, wo es aufhört I[ndividuellstes] zu sein. Andere sind wüthend bei der Vorstellung solchen Gemeinwerdens. Die Ersten leiden an dem Fatum ihrer Einzigkeit, die Anderen genießen ihre Einzigkeit. Andere merken sie gar nicht. 6 [169] Zwei Interessen für Sachen: 1. zu wissen, was sie sind 2: was daraus zu machen ist. 6 [170] Im Ganzen habe ich, wie blind im Wasser schwimmend, mich der Reihe nach der mir nöthigen Nahrung genähert: Schärfung des Intellektes, nachher Aufschwung und Aufopferung des Selbst, nachher Gerechtigkeit und Selbstständigkeit, nachher umsichtige Milde gegen alles Selbständige usw. Nicht mit Urtheil: sondern das Übermaaß trieb mich immer wieder davon und der neue Geschmack that mir wohl. Der Schmerz lehrte mich, die verstreute Freude in dem Dasein würdigen, die Partei lehrte mich die Einsamkeit: der Gelehrte in mir trieb mich den Künstler zu verstehen usw. 6 [171] Goethes vorsichtige Haltung zur Musik: sehr vortheilhaft, daß die deutsche Neigung zur Unklarheit nicht noch einen künstlerischen Rückhalt bekam. 6 [172] der angenehme Schauder beim Glockenton 6 [173] Diese handeln ganz egoistisch, aber ihr moralisches Urtheil ist erzogen, alles sofort unter dem Gesichtspunkt des Löblichen und Tugendhaften zu sehen: sie sind vollendet in ihrer Unredlichkeit gegen sich und präsentiren in der Gesellschaft das gute Gewissen. Andere sind höher, aber ihr Urtheil ist pessimistischen Gewohnheiten hingegeben, sie legen sich alles egoistisch aus und sie verachten alles Egoistische. Ihre edelsten Handlungen hinterlassen in ihnen einen Bodensatz von Ekel. Es sind die, welche an eine Tugend glauben, die es nicht giebt und geben kann! Sie sind redlich, aber haben von ihrer Redlichkeit nur Qual, und Ekel an sich: weil ihr Lustgefühl auf Handlungen beschränkt ist, deren sie selber sich nicht fähig wissen: aber sie schließen, es müßten Anderen diese Handlungen möglich sein: was nicht wahr ist. Der welcher sagte ich habe das Gesetz erfüllt war gewiß nicht sehr anspruchsvoll in der Ausdeutung desselben und kein Grübler. 6 [174] Du sollst nicht stehlen! Aber wo hört denn das Eigenthum auf? Ein Gedanke, ein Antrieb, ein Gesichtspunkt, der Ausdruck eines Bildes, eines Gebäudes, eines Menschenist es nicht alles Eigenthum? Und alles stehlen wir fortwährend. Wir stehlen alle Dinge und Sonnen in uns hinein, wir tragen alles für uns fort, was da ist, ja ehemals geschehen ist. Wir denken nicht an die Anderen dabei. Jeder individuelle Mensch sieht zu, was er alles für sich bei Seite schaffen kann. 6 [175] Die höhere Natur ist unvernünftiger als die gemeine, und hat einige Lust- und Unlusttriebe so stark, wie jener sie kaum glaublich sind. In Bezug auf diese pausirt ihr Denken mitunter oder tritt ganz in den Dienst. Man spricht von Leidenschaft; ihre Befriedigung ist ihr wichtiger als das Leben. Aber so auch die Trinker die Wollüstigen die Rachsüchtigen. Es muß das Objekt der Leidenschaft sein, was sie adelt und zum Zeichen der höheren Natur macht. Nicht Essen Trinken Wollust: sondern Dinge, welche selten stark empfunden werden z. B. Gedanken, Erkenntniß, das Wohl einer Stadt, eines Staates, der Menschheit, das Heil der Seele, das Glück Anderer. Also etwas, das gewöhnlich kalt läßt, ist hier Objekt der Leidenschaftdas macht die höhere Natur: ihr Geschmack richtet sich auf Ausnahmen. Es ist der individuelle Geschmack, der hier hervortritt: zu begreifen ist so eine Leidenschaft nicht, so wenig das Individuum zu begreifen ist. Die höhere Natur hat eine Singularität der Passion: sie ist nicht gemein, folglich nicht berechenbar. Ihre Unvernunft ist hierin groß; sie bringt einer Sache die größten Opfer, für die sie allein ein Werthmaaß hat: sie kehrt sich nicht an das Werthmaaß Anderer. Also: ein singuläres Werthmaaß im Gefühle haben macht die höhere Natur: entweder andere Dinge schätzen als geschätzt werden oder Dinge anders schätzen als sie g[eschätzt] W[erden]. Die gemeinen Naturen glauben nicht an die Verschiedenheit der Maaßstäbe d. h. sie glauben nicht an Individuen? Ich glaube an Individuenso die höhere Natur? Und sie betrügt sich oft, insofern sie individuelle Urtheile und Maaßstäbe bei Anderen voraussetzt und nicht jenen praktischen Kniff in der Hand hat, sie als Niveau-menschen zu verstehen (: wie Napoleon, der selber ein solcher war). Eine Unterart: höhere Naturen, welche überall ihr eigenes Individuum, und ihren Maaßstab des Gefühls voraussetzen, ihre eigene Geschichte alsound nicht das Individuelle anerkennen, ebenso wenig als sie das Gemeine verstehen (z. B. Christus). Sie wissen sich selber nicht als individuell. Die andere Art: sie wissen sich individuell, sie verstehen Individuen, aber sehen nur die Gemeinheitdiese müssen sie lernen. Vielleicht haben sie selbst die Gluth dafür, die Gemeinheit zu ergründenes ist eine mögliche Passion (La Rochefoucauld?) 6 [176] Fortwährend ist eine Bewegung da zur Bildung von Gattungen, von Menschen mit gemeinsamem Gepräge: Städte Staaten Culturen arbeiten darauf hin. Die Statistik ist der Beweis. Die abweichenden Übergangsnaturen (zwischen zwei Gattungen) oder die entartenden sind die individuellen oder die Versuche, innerhalb der Gattungen eine Species aufzustellen. 6 [177] Man ist nicht das, was man immer ist, man ist das, was man sehr oft ist Rémusat. 6 [178] Also: nicht das Aufopfern macht den Edlen, damit gehört er erst in die Kategorie des Leidenschaftlichen (wie z. B. der rasend Wollüstige sich aufopfert) es giebt niedrige Leidenschaften d. h. gemeinsame und höhere individuelle. Der Edle opfert hier eine individuelle Leidenschaft: nicht daß er für Andere sich opfert, macht ihn edel, sondern die Seltenheit dieses Triebes für Andereeine individuelle Sonderheit, wie viele andere Sonderheiten, die auch edel machen. 6 [179] Das Christenthum verlangte eigentlich nichts als ein intellektuelles Opfer: daß an Christus geglaubt werde. Wer solchen Werth darauf legt, daß an ihn geglaubt werde, daß er den Himmel dafür garantirtmuß einen furchtbaren Zweifel gehabt haben? Oder? 6 [180] Die geflügelte Göttin, die auf einen ehernen Schild deine That einschreibt und welche die Menschen anbeten 6 [181] dieser kann die Verwandtschaftsgrade nicht fassen, geschweige daß er ein feines Gefühl der Verpflichtung für die verschiedenen hätte! ego 6 [182] Das Peinlichste für mich ist, mich vertheidigen zu müssen. Dabei werde ich inne, daß ich erst meine Art zu sein mit der Anderer vergleichen müsse und daß ich ihr verständliche Motive unterschieben müsse: daran nicht gewöhnt, weiß ich, daß es mir mißlingt. Ja jede Präsentation meines Bildes durch Andere setzt mich in Verwirrung das bin ich ganz gewiß nicht! ist meine Empfindung; wenn ich mich bedanken wollte, erschien ich mir unredlich. 6 [183] Die Lehre der Mäßigung ist eine Beobachtung der Natur, was hoch und stark werden soll, muß seine Kraft immer wie ein Capital vergrößern und darf selber davon nicht leben wollen. 6 [184] Unsere Gedanken sind als Gebärden anzusehen, unseren Trieben entsprechend, wie alle Gebärden. Darwins Theorie ist heranzuführen. 6 [185] Wie streng ist man gegen Calvin wegen Einer Hinrichtung! Und Christus verwies alle, die nicht an ihn glaubten, in die Hölleund Menschen, noch furchtbarer als er, fügten hinzu: mit rückwirkender Kraft. 6 [186] Es giebt eine gierige und athemlose Art zu denken. Auch hier ist Moralität nöthig 6 [187] Die Unabhängigkeit ist kein Genuß mehr, wenn ihr der Stachel fehlt. Und bei der absoluten Unmöglichkeit eines Blicks auf die Unabhängigkeit verliert die Abhängigkeit ihr Unangenehmes. So bei der Unfreiheit des Willenswir haben den Stachel der uralten Illusion abzubrechen! dann sind wir ganz froh und zufrieden. 6 [188] Das Bedürfniß über seinen Herrn Illusionen zu unterhalten, weil die menschliche Eitelkeit nicht liebt, zu erröthen über den, dem man sich unterworfen hat 6 [189] Ein Reich ganz unmenschlicher Necessität enthüllt sich immer mehr! Endlich lachen wir selber mit, zu sehen, wie wir ehemals mit unseren Trieben und Triebchen das zu ersetzen und verstehen meinten, mit Neigung und Haß, Wille oder Zweck usw. Die Welt als eine Menschen-Welt ist uns ein Gelächter geworden: wie die Astrologie. Unsere Stellung zu dieser Welt möglichst pathetisch einzunehmen war das Bestreben aller Philosophen: die Idealisten zuletzt wußten uns zur Hauptsache zu machen und die Welt zu einer Art Erzeugniß von uns: als ob der Spiegel sagte: ohne mich ist nichts, ich bin der Urheber. Zuletzt sind wir selber in das ungeheure System eingeflochten und bewegen uns in ihm: immer aber bleibt uns noch genug des Unerkannten an uns, und das bleibt der Tummelplatz unseres Hochmuthes. Ja, nachdem wir so viel von der Position des Menschen in der Welt preisgegeben, findet auf dieser letzten Stätte ein Kampf um die höchsten Rechte der Menschheit, einer um Leben und Tod statt. Es ist der ganze Stolz, und alle Triebe dienen ihm dabei! Der höhere Werth der Moralität wird kühn dem ganzen Weltgesetz entgegengesetzt, und menschliche Ziele als Ziel der Welt gesetzt. Mit gut und schön und wahr meint man die Ausnahmestellung, seine Göttlichkeit bewiesen zu haben: die Wissenschaft im Dienste der alten Triebe kämpft und vertheidigt den Gott im Menschen, nachdem sie ihn sonst hat fahren lassenden freien Gott. 6 [190] Napoleons Streben gieng nach Macht: er hätte den Frieden vorgezogen, wenn der ihm Vergrößerung der Macht geben würde. 6 [191] Niemals sich lieben lassen, sondern wo man nicht den Impuls der Gegenliebe fühlt, dann die Liebe des Anderen verhindern, und wenn es nöthig wäre, ihn zu verspotten, ja uns vor ihm zu erniedrigen! Künstler (und Weiber!) werden durch nichts gemeiner als durch das Sich-lieben-lassen. Wir sollen verhindern, daß wir das Ideal eines Anderen werden: so vergeudet er seine Kraft, sich selber sein ganz eigenes Ideal zu bilden, wir führen ihn irre und von sich abwir sollen alles thun, ihn aufzuklären oder wegzustoßen. Eine Ehe eine Freundschaft sollte das Mittel sein, das seltene!! unser eigenes Ideal durch ein anderes Ideal zu stärken: wir sollten das Ideal des Anderen auch sehen und von ihm aus das unsrige! 6 [192] Wo sind die großen Seelen hin? Was man jetzt so nenntda sehe ich nicht mehr als Menschen, die mit einem ungeheuren Aufwand von Kraft vor sich selber Komödie spielen, vor sich selber Effekt machen wollen, und mit einer kaum erdenklichen Gier nach dem Publikum hinhorchen, weil dessen Applaus und Vergötterung ihnen selber den Glauben an sich geben soll. Ihre Wirkung auf Andere ist für diese durch allzugroße Anstrengung immer Erschöpften eine Kraftbrühe. Es ist eine Krankheitsgeschichte! 6 [193] In Frankreich hat jede persönliche Beziehung (Liebe Freundschaft) eine Tagesgeschichte. Beständig veränderlichsonst langweilig. Dies wäre für Italiener eine Marter, sie haben das ruhige Vertrauen, wie Kühedie geringste Nuance, die sie wahrnehmendie meisten würden sie nicht wahrnehmenbringt sie fast um. St[endhal] 6 [194] Mist thut mehr Wunder als die HeiligenSicilien. [Vgl. Goethe: Italienische Reise.] 6 [195] In Deutschland fehlt alle moralische Erziehung. 6 [196] Schweigen lernen und weggehen lernen. Überall wo ein bestimmter Widerspruch zum Leben gehört und unserem Wesen die Luft nimmt, soll man weggehen. 6 [197] das Gefühl der Wasserwage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurythmie ist Goethe [Italienische Reise.] 6 [198] Es giebt nichts Alberneres als jemanden in dem zu verhöhnen, was die Tüchtigkeit seines Berufs z. B. des Gelehrten ausmacht: wie es die verwöhnten Kinder, die Künstler sich erlauben. 6 [199] Wirkliche Größe des Charakters bei einem Musiker hat nur S. Bach. 6 [200] der kaufmännische Geist hat die große Aufgabe, den Menschen, die der Erhebung unfähig sind, eine Leidenschaft einzupflanzen, die ihnen weite Ziele und eine vernünftige Verwendung des Tages giebt, zugleich aber auch sie so aufbraucht, daß sie alles Individuelle nivellirt und vor dem Geiste wie vor einer Ausschweifung schützt. Er bildet eine neue Gattung Menschen welche die Bedeutung haben wie die Sklaven im Alterthum. Daß sie reich werden, giebt ihnen so lange Einfluß, als die Geistmächtigen ihren Vortheil nicht kennen, und Politik machen wollen. Dieser Arbeiterstand zwingt auf die Dauer die höheren Nat[uren] sich auszuscheiden und eine Aristokratie zu bilden. Einstweilen gehören die Künstler und Gelehrten zu diesem Arbeiterstande, sie dienen ihm, weil sie viel Geld wollen. Die Unfähigkeit der Muße und der Leidenschaft ist Allen zu eigen (folglich eine große Affektation von beiden bei den Künstlern, weil diese durch etwas Ungewöhnliches unterhalten wollen) Das Geldinteresse zwingt ihnen ein politisches Interesse auf, und dies ein religiöses Interesse: sie müssen Theile von sich selber in Abhängigkeit und Respekt erhaltendeshalb die englische Bigotterie, als die des kaufmännischen Geistes. 6 [201] Was sichnicht vererbt, ist noch wichtiger für die Crystallisation des Charakters als was sich vererbt. Ein edler Charakter d. h. eine Anzahl Gewohnheiten Gesichtspunkte nicht zur Hand haben, die Anderen bequem sind. 6 [202] Wenn wir essen spazierengehen gesellig oder einsam leben, es soll bis ins Kleinste die hohe Absicht unserer Leidenschaft uns dabei bestimmen, und zwar so daß sie die Vernunft und die Wissenschaft in ihren Dienst genommen [hat] und mit tiefer Gluth die gerade für sie passenden Weisungen von ihr abfragt. Nicht blind seinen wenn auch großen Trieben folgen: sondern die ganze bisherige Erkenntniß heranziehen: so allein denkt man hoch genug von sich: Alles, was bisher erkannt wurde, ist werth deiner Leidenschaft zu dienen. Wer sich leicht mit der Wissenschaft abfindet oder phantastisch wird bei ihrem Gebrauche, hat nicht die Tiefen untrüglicher Ehrfurcht vor seiner Leidenschaft, der kein Opfer zu groß ist. Unser Wesen auf die ganze Welt bisheriger Erfahrungen der Menschheit stützen! Ihr macht Partei und übt Liebe und Haßhättet ihr mehr Ehrfurcht vor eurem Werk, hieltet ihr es ernstlich für eine wichtige Angelegenheit, so würde[t] ihr Grauen empfinden, euer Urtheil so zu blenden, ihr müßtet mit Gluth die Erkenntniß befragen und über euch selber redlich werden. Die Leidenschaft treibt uns immer wieder aus unserer Ruhe hinaus: unser Ideal will immer höhere Bestätigungen und Opfer, und dadurch selber immer wachsen und sich reinigen. Ihr seid in euch verliebt, aber es ist eine vorübergehende Laune, ein kleines Stückchen Geschlechtstrieb, ihr ahnt es auch, daß man Launen mit Launen befriedigen muß, ihr seid nur beliebig! Oder ihr seid ehrgeizig verliebt in euer Ideal und thut für dasselbe alles, was unter Menschen Aufsehen und Ansehen macht, es ist euch Öffentlichkeit eurer Leidenschaft nöthig, im Stillsten und Geheimsten langweilt ihr euch dabei. Ihr schafft euer Werk, aber das Spiegelbild eurer selbst in den Köpfen Anderer ist das Ziel, das hinter dem Werke steht, es ist ein Vergrößerungsglas, das ihr den Anderen vor die Augen haltet, wenn sie nach euch hinblicken! Viele machen ihr Werk ordentlich, wie sie es gewöhnt worden sind bei strengen Lehrern, sie sprechen von Pflichtgefühl und fordern Pflichtaber sie haben einen Gewissensbiß, denn sie sollten nur etwas Außerordentliches thun! 6 [203] Nicht daß wir den Menschen helfen und nützen wollen: nein, daß wir Freude haben an den Menschen, das ist das Wesentliche am sogenannten guten Menschen und an der Moralität. Es ist das Neue, das Späterreichte. Unsere guten Handlungen verstehen sich bei dieser Freude von selber: wenn wir sie nicht fürchten und nicht anfeinden und doch zahllose Relationen zu ihnen haben, so können dies keine anderen sein als solche, welche unsere Freude an ihnen vermehren d. h. wir bemühen uns, sie im Streben nach stilisirter Individualität zu fördern, mindestens den Anblick des Häßlichen (Leidenden) zu beseitigen. Liebe zu den Menschen?? Aber ich sage: Freude an den Menschen! Und damit diese nicht unsinnig ist, muß man helfen, daß es das giebt, was uns erfreut. Man sieht: die Redlichkeit über uns und die Anerkennung der fremden Natur, die Geschmacksentwicklung, welche den Anblick schöner freudiger Menschen nöthig hat, muß vorausgehen. Hier findet eine Selection statt: wir suchen die aus, die uns Freude machen und fördern sie und fliehen vor den Anderendas ist die rechte Moralität! Absterbenmachen der Kläglichen Verbildeten Entarteten muß die Tendenz sein! Nicht aufrechterhalten um jeden Preis! So schön die Gesinnung der Gnade gegen die unser Unwürdigen ist, und das Helfen gegen die Schlechten und Schwachenim Ganzen ist es eine Ausnahme, und es würde die Menschheit dabei im Ganzen gemein werden (wie z. B. durch das Christenthum) Immer ist auf die natürlichen Triebe zu bauen: Freude zu machen dem, der uns erfreut, und Leid dem, der uns verdrießt. Wir vertilgen die wilden Thiere, und wir züchten die zahmen: dies ist ein großer Instinkt. Wir entarten selber beim Anblick des Häßlichen und der Berührung mit ihm; Schutzdämme aufwerfen! Es nivelliren zu einer Nutzbarkeit! und dergleichen. Wenn man nur mit denen verkehrt, deren Berührung uns erfreut und erhebt, so werden sich Gruppen und Schichten bilden, die wiederum in einem solchen Verhältniß von näherer oder fernerer Entfremdung stehen. Dies ist sehr gut, ein nothwendiger Bau der Gesellschaft, aus Redlichkeit! 6 [204] An sich sind die Triebe weder gut noch böse für die Empfindung. Aber es bildet sich doch eine Rangordnung, dadurch daß die Befriedigung einiger mit Furcht verbunden ist, und diese stehen im Gefühle niedriger als die welche lustvoll sind. Dieser Gradunterschied wird im moralischen Urtheil zu einem Gegensatz. Wenn ein Trieb immer mit dem Gefühl des Verbotenen und der Angst befriedigt wird, so entsteht eine Aversion vor ihm: wir halten ihn nun für böse. Wir haben eine Nebenempfindung untrennbar an ihn geknüpft, es ist eine Einheit entstanden. Eine böse Handlung. Wer sich nichts verboten fühlt und alles thut, was er will, der weiß nichts von gut und böse. Wer sich vieles verboten fühlt und nichts davon thut, fühlt sich gut, gleichgültig wer verbietet, ob einer die Gewalt über uns hat oder wir selber!der vollkommene Mensch verbietet sich sehr viel (unendlich mehr als Andere ahnen können!) und fühlt sich deshalb gut: es ist die kunstvoll gebändigte und umgedeutete Natur: denn sie ist werdend, und nicht um Einmal bauen oder Niederreißen handelt es siches ist ein schwebender Garten. 6 [205] Man soll durchaus nicht in Verhältnissen bleiben, wo unsere kleinlichen Erregungen täglich geübt werdenes ist der stärkste Grund, eine Ehe, eine Partei, eine Freundschaft zu lösen, ein Amt aufzugeben. Wenn du in der Einsamkeit groß bist, so wisse, daß du dich anderwärts verdirbst. Machtvolle Mildewo diese Stimmung dich ergreift, da bist du in dirund dort gründe dein Haus! 6 [206] Ich rede nicht zu den Schwachen: diese wollen gehorchen und stürzen überall auf die Sklaverei los. Wir fühlen uns Angesichts der unerbittlichen Natur immer noch selber als unerbittliche Natur! Aber ich habe die Kraft gefunden, wo man sie nicht sucht, in einfachen milden und gefälligen M[enschen] ohne den geringsten Hang zum Herrschenund umgekehrt ist mir der Hang zum Herrschen oft als ein inneres Merkmal von Schwäche erschienen: sie fürchten ihre Sklavenseele und werfen ihr einen Königsmantel um (sie werden zuletzt doch die Sklaven ihrer Anhänger, ihres Rufs usw.) Die mächtigen N[aturen] herrschen, es ist eine Nothwendigkeit, sie werden keinen Finger rühren. Und wenn sie bei Lebzeiten in einem Gartenhaus sich vergraben! 6 [207] Fehler in der Sorrentiner Landschaft. Oelbäume schöner als die Orangen. 6 [208] Temperanz-Bewegung nöthig für Deutschland: die große Mehrzahl der Verbrechen stehen mit Alcohol in Verbindung und ebenso die, Selbstmorde! 6 [209] Kein deutscher Künstler hat bisher genug Geist gehabt, um seine Praxis zu erklären: die klügsten haben nur verstanden, sie zu beschönigen, wie als ob sie ein schlechtes Gewissen hätten: thatsächlich haben sie ihre Wirkung verdorben, insofern sie ihre Beschränktheit in die Wagschale warfen, ihre Werke sanken dadurch etwas und übten Einfluß auf die geringeren Nachahmer. Begreift man nämlich die Tendenz einer Kunst als eine persönliche Verherrlichung oder Apologie oder Versteckspielerei, so greifen viele nach ihr, die es nöthig haben, ihre Natur zu verherrlichen oder zu verstecken. 6 [210] Handlungen, die eine lange Zeit als Ausnahmen empfunden werden und Ehre bringen, werden endlich Übung und gelten dann als anständig. Ebenso könnte die Redlichkeit in Betreff alles Wirklichen einmal Anstandssache werden, und der Phantast einfach als unanständig außer Betracht kommen. 6 [211] In diesem Jahrhundert haben sich die Franzosen einen Geschmack an der Malerei anerzogen (durch Zeichnen), der dem vorigen Jahrhundert fehlte. Die Italiäner haben ihr Ohr für den Gesang verloren, die Deutschen haben politische Leidenschaft gelernt, die Engländer haben sich an die Spitze der Wissenschaft gestellt. 6 [212] Unsere Triebe widersprechen sich häufig, darüber ist nichts zu wundern! Vielmehr wenn sie harmonisch sich auslösten, das wäre seltsam. Die Außenwelt spielt auf unseren Saiten, was Wunder, daß diese oft dissoniren! 6 [213] Nach Austerlitz war der Krieg mehr das Resultat seines Systems als der Zug seines Geschmacks: 6 [214] Junge Menschen, deren Leistungen ihrem Ehrgeize nicht gemäß sind, suchen sich einen Gegenstand zum Zerreißen aus Rache, meistens Personen, Stände, Rassen, welche nicht gut Wiedervergeltung üben können: die besseren Naturen machen direkten Krieg; auch die Sucht zu Duellen ist hierher gehörig. Das Bessere ist, wer einen Gegner wählt, der nicht unter seiner Kraft und der achtungswerth und stark ist. So ist der Kampf gegen die Juden immer ein Zeichen der schlechteren, neidischeren und feigeren Natur gewesen: und wer jetzt daran Theil nimmt, muß ein gutes Stück pöbelhafter Gesinnung in sich tragen. 6 [215] Das Ende aller großen Denker und Künstler ist düster, bei denen die Redlichkeit gegen sich immer abgenommen hat. Das freudige Ausleben und Hineinströmen in die andere Welt fehlt ihnen. 6 [216] Die Meinungen der Menschen ebenso nothwendig wie ihre Handlungenaber deshalb nicht für sie wahr! Nur eine ungeheure Art, über sich hinaus zu gehen und andere Denkweisen in sich aufzunehmen, giebt uns die Möglichkeit, zwischen wahr [und] falsch zu unterscheiden. Das Ideal: eine Meinung, die unabhängig ist von jedem Persönlichen und deren Schranke eben nur noch der Mensch ist. Es sind die Meinungen, die dem Menschen am nützlichsten sein müssen, seine strenge Relation zu den Dingen (deren Narr er nicht mehr ist.) Auf die Dauer muß die Menschheit jeden Irrthum furchtbar büßendenn damit er aufrecht erhalten bleibe, muß eine hundertfache Fälschung anderer Dinge eintreten (Nicht-einsehen-wollen d. h. Verschlechterung der Redlichkeit, Abnahme des Intellekts, Zunahme der Gefährlichkeit des Lebens 6 [217] zu dem kolossalen Schwulst der Pozzo und Bibiena hatte seit 1730 niemand mehr die erforderliche Leidenschaft und Phantasterei. J[acob] B[urckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens (Leipzig: 1869), 396] 6 [218] Unter allen, die sich um Gründung und Verbreitung von Religionen verdient gemacht haben, hat es noch keinen ausgezeichneten Kopf und ebenso wenig einen redlichen Menschen gegeben. Diese großen Massen-Leidenschaften sind von den gröbsten Köpfen, solchen die blinden Glauben an sich haben, wie die Thiere, gemacht worden. 6 [219] Die Kraft hat die Milde. 6 [220] das Verlangen nach den Genies wie nach Kraftbrühen. 6 [221] der kaufmännische Geist und sein Produkt 6 [222] der Geschmack der englischen Gartenkunstdie freie Natur mit ihren Zufälligkeiten nachahmen J.B.ist der ganze moderne Geschmack. Solche Menschen wollen die Dichter: während ein anderes Ziel ist, die Menschen den Gesetzen der Kunst dienstbar machen. Gegen die elegische Natursentimentalität NB diese habe ich mir abzugewöhnen. Der Contrast der freien Natur, welche von außen in die italiänischen Gärten hineinscheint J.B. Grundbedingung des Eindrucks. Solche Menschen des Stils wirken am stärksten unter einer halbwilden Umgebung. [Vgl. Jacob Burckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens (Leipzig: 1869), 399] 6 [223] Bei der Liebesleidenschaft kann man sehen, wie weit die Redlichkeit vor uns selber fehlt: ja man setzt das voraus und gründet darauf die Ehe (mit Versprechen, wie sie kein Redlicher gegen sich geben kann!) So früher bei der Treue von Untergebenen gegen Fürsten oder gegen das Vaterland, oder die Kirche: man schwor die Redlichkeit gegen sich feierlich ab! 6 [224] Wir sind geneigter, von den Dingen das zu glauben, was uns angenehm ist. Die Thiere, welche dazu weniger streng geneigt sind, die vorsichtigen, erhalten sich besser. Die Furchtsamkeit ein erster Schritt der Redlichkeit. 6 [225] Man sagt Fortschritt, meint aber Entwicklung d. h. Werden und Vergehen. Auch das V[ergehen] können wir nur als ein Fortschreiten empfinden: denn es ist mit Lust verknüpft, wie alle Entwicklung. Nur die Hemmung der Entwicklung macht Schmerz. 6 [226] Jene spitzigen Geschöpfe welche selbst ihr Wohlwollen nicht ohne Stiche äußern können. 6 [227] Es bedarf unendlicher Verstellung, um ein liebevoller Mensch zu werden. 6 [228] Werth der Wissenschaft und Reiz derselben, gegen die Verstellung. Nimmt man sie halb, so versteht man ihren heroischen Zauber nicht. 6 [229] Wenn in die Seele eines Kindes in einer abergläubischen Umgebung und Zeit der Gedanke fällt du bist der Sohn Gottes und es [von] früh an durch die Frömmigkeit seiner Mutter belehrt wird, daß dieser Gott heilig ist und Heiligkeit will: dazu ein sanftes Temperament und eine glühende visionäre Phantasie, ein durch Enthaltsamkeit und Einsamkeit erzogenes Vertrauen zu sich selber: so einer kann zum Glauben sündlos zu sein kommen, sobald er als Sohn Gottes sich glaubt und somit seinen eigenen Befehlen gehorchtsublime Art des Stolzes. Als Gesetzgeber ist er dem Gesetz überlegen, er kann Höheres darüber hinaus zeigen, es vollenden: wie ungereimt für ihn, etwas zu thun, das wider seine fixe Idee geht! Von dieser Höhe aus sehnt er sich nach Liebedie Menschen sollen an ihn glauben: dies ist das Einzige was ihm fehlt, und dafür will er ihnen alles geben, was er kann z. B. Gottes Gnade. Die: Kinder, die Armen, die Dummen, die Verachteten, die sich selber Verachtenden sind seine Lieblinge. Er dichtet sich seinen Gott nach seinem Bilde, so daß er Liebe erweisen kann als Gott: er eliminirt und schwächt Vorstellungen, aus denen ein anderer Gott sich ergiebt. Seine Redlichkeit gegen sich ist sehr gering, er hat weder in Bezug auf seinen Glauben als Gottessohn ein feines Gewissen, noch in Bezug auf seine Erkenntniß der Natur und des Menschen. Er belügt sich, ganz im Dienste seiner Leidenschaft: was er nicht kennt, schätzt er nicht, er behandelt sich als Maaß der Dinge, mit der Unerfahrenheit eines einsamen Schäfers, der nur Schafe um sich hat. Sein wunder Punkt ist, daß die Menschen ihm nicht glauben wollen, während er sich selber glaubt: und hierbei wird seine Phantasie grausam und düster, und er dichtet die Hölle für die, welche nicht an ihn gl[auben]. Sein Mangel an Bildung schützt ihn davor, sich die Entstehung einer Leidenschaft vorzustellen und sich selber einmal objektiv zu sehen: er steht nie über sich (wie z. B. Napoleon) Das Furchtbarste, ewig Unsühnbare der Menschen wurde das Verschmähen seiner Liebedies ist ein gemeiner Zug. Ebenso seine Verdächtigung der Reichen, des Geistes, des Fleischesseine Milde und Nachsicht ist kurz und ganz egoistisch. 6 [230] Bei Erzählern vermeiden die feineren, die Erlebnisse ihrer Helden selber ins Ungeheuerliche, Criminalistische Grobe zu steigern: vielmehr erniedrigen und glätten sie die Ereignisse und zeigen, was feinere Naturen schon an diesem Wenig zu leiden haben: oder daß hier erst ihre Erlebnisse anfangen: für grobe Naturen giebt es da keine Probleme. Daß man seinem Helden gegenüber festhält, er sei nicht non plus ultra, sondern ein tüchtiger Mensch, zeichnet jeden guten Dichter aus. Die Halbgötter-geschichten bedürfen wenig Talent, grobe Farbensie werden der Masse erzählt. Es sind ideale Räuber- und Gespenster-Geschichten. Wer sich in seine Helden und deren Erlebnisse verliebt, ist nicht ersten Rangesdenn er muß arm sein. Mit prächtigen entzückenden Stoffen und Helden geben sich die Armen ab, welche nicht ohne Weiteres glauben, daß andere sie für reich halten. |