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Nachlass

   

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April—Juni 1885 34 [1-259]

34 [1]

Gai saber.
Selbst-Bekenntnisse.
von
Friedrich Nietzsche.

S[elbst-Bekenntnisse]: Im Grunde ist mir das Wort zu feierlich: ich glaube bei mir weder an das Bekennen noch an das Selbst.

Im Grunde ist das Wort mir zu feierlich: wollte ich das Buch aber so nennen, wie es mir besser gefiele, “500 000 Meinungen,” so würde es meinen Lesern zu possenhaft klingen. In Rücksicht also auf meine Leser — — —

Hohe Erziehung.

Die höchste Erziehung.

Gedanken über die Philosophen der Zukunft.

Vermuthungen über die Ph[ilosophen] der Zukunft.

34 [2]

Ich werde Jahr für Jahr offenherziger, in dem Maaße, in welchem mein Blick für dieses neunzehnte Jahrhundert, für dies Jahrhundert der großen mor[alischen] Tartüfferie, tiefer und tiefer wird: ich finde immer weniger Gründe, heute—hinter dem Berge zu halten. Welche Meinungen könnten heute gefährlich sein! wo nichts mehr “in tiefe Brunnen” fällt! Und wären sie gefährlich und zerstörerisch: es ist wünschenswerth daß Vieles umfällt, damit Vieles gebaut werden muß

34 [3]

In meiner Jugend hatte ich Unglück: es lief mir ein sehr zweideutiger M[ensch] über den Weg: als ich ihn als das erkannte, was er ist, nämlich ein großer Schauspieler, der zu keinem Ding ein ächtes Verhältniß hat  (selbst  zur  Musik  nicht): war  ich  so  angeekelt  und  krank, daß  ich  glaubte, alle  berühmten  M[enschen] seien Schauspieler gewesen sonst wären sie nicht berühmt geworden, und an dem, was ich “Künstler” nannte, sei eben das Hauptsächliche die schauspielerische Kraft.

34 [4]

Wie verkleidet hatte ich das zum Vortrag gebracht, was ich als “dionysisch” empfand! Wie gelehrtenhaft und eintönig, wie bei weitem nicht gelehrt genug, um auch nur die Wirkung hervorzubringen, einigen Generationen von Philologen ein neues Feld der Arbeit zu eröffnen! Dieser Zugang zum Alterthum ist nämlich am besten verschüttet; und wer sich eingebildet hat, besonders über die Griechen weise zu sein, Goethe z. B. und Winckelmann, hat von dorther nichts gerochen. Es Scheint, die griechische Welt ist hundertmal verborgener und fremder, als sich die zudringliche Art heutiger Gelehrten wünschen möge. Wenn hier je erkannt werden soll, so gewiß nur das Gleiche durch das Gleiche. Und wiederum—nur Erlebnisse aus aufspringenden Quellen—die geben auch jenes neue große Auge, das Gleiche in der vergangenen Welt wieder zu erkennen.

34 [5]

NB. Die größten Ereignisse gelangen am schwersten den Menschen zum Gefühl: z. B. die Thatsache, daß der christliche Gott “todt ist,” daß in unseren Erlebnissen nicht mehr eine himmlische Güte und Erziehung, nicht mehr eine göttliche Gerechtikeit, nicht überhaupt eine immanente Moral, sich ausdrückt. Das ist eine furchtbare Neuigkeit, welche noch ein paar Jahrhunderte bedarf, um den Europäern zum Gefühl zu kommen: und dann wird es eine Zeit lang scheinen, als ob alles Schwergewicht aus den Dingen weg sei. —

34 [6]

Ich habe mich durch das glänzende Erscheinen des deutschen Reichs nicht täuschen lassen. Ich nahm als Hintergrund, als ich meinen Zarathustra schrieb, einen Zustand in Europa, bei dem auch in Deutschland dasselbe schauerliche und schmutzige Parteitreiben herrscht, welches wir heute schon in Frankreich finden.

34 [7]

Hat man je schon einem Weibskopfe “Tiefe” zugestanden? Ich habe vor keinem Weibskopfe bisher Respekt gehabt. D’Epinay im Vergleich mit Galiani!

Und Gerechtigkeit,—ist jemals diese — — —

34 [8]

Die Italiäner allein in der blutigen Satire ächt und ursprünglich. Von Buratti an, der dem Genie Byron die entscheidende Wendung gab. Selbst an Carducci ist nichts, was nicht Deutsche oder Franzosen besser gemacht hätten.

34 [9]

Ich kenne mich nicht: die Aufforderung zur Selbst-Erkenntniß scheint mir ein göttlicher Spaaß oder eine griechische Kinderei (niaiserie): sie sind reich daran!— Hat Einer aber über 500 Dinge seine Meinungen gesagt, so ist es möglich, daß Andere ihn “erkennen.” Wohlan!

34 [10]

Affectation der “Wissenschaftlichkeit” z. B. “Femininisme,” aber auch deutscher Zeitschriften-“Revue-Styl”

34 [11]

Unsere Zeit zehrt und lebt von der Moralität früherer Zeiten.

34 [12]

Pascal beleidigt durch die Vorstellung daß das Wetter, daß heller und heiterer Himmel auf ihn Einfluß habe. Jetzt—ist die Theorie des Milieu am bequemsten: alles übt Einfluß, das Resultat ist der Mensch selber.

34 [13]

Dinge, mit denen mein Magen schlecht oder gar nicht fertig wird: Kartoffeln, Schinken, Senf, Zwiebeln, Pfeffer, alles im Fett gebackene, Blätterteig, Blumenkohl, Kohl, Salat, alle geschmälzten Gemüse, Wein, Würste, Buttersaucen am Fleisch, Schnittlauch, frische Brotkrumen, alles gesäuerte Brod

Alles auf dem Rost Gebratene, alles Fleisch saignant, Kalb, Rostbeef, Gigot, Lamm, Eidotter, Milch auch Schlagsahne, Reis, Gries, gekochte warme Äpfel grüne Erbsen Bohnen Carotten Wurzeln Fisch, Kaffee Butter braune Weiß-Brodkruste.

34 [14]

Die Art offener und herzhafter Vertraulichkeit, wie man sie heute, in einem demokratischen Zeitalter, nöthig hat, um beliebt und geachtet zu sein—kurz das, woraufhin man heute als “rechtschaffener Mensch” behandelt wird: das giebt einem Moralisten viel zu lachen. Alle tiefen Menschen genießen hier ihre Art Erleichterung: es macht so viel Vergnügen, Komödie zu spielen und — — —

34 [15]

Die Alten lasen laut.

34 [16]

Unter unmäßigen Menschen, z.B. engländischem Pöbel, gewinnt natürlich die Lehre der Enthaltsamkeit ungeheure Kraft. Unter Mäßigen ist sie eine Sache zum Lachen.

34 [17]

Dionysisch. Welche unglückliche Schüchternheit, von einer Sache als Gelehrter zu reden, von der ich hätte als “Erlebter” reden können. Und was geht den, der zu dichten hat, die “Ästhetik” an! Man soll sein Handwerk treiben, und die Neugierde zum Teufel jagen!

34 [18]

Das XX. Jahrhundert.

Der Abbé Galiani sagt einmal — — — da ich nun durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines verstorbenen Freundes Galiani theile, so fürchte ich mich nicht davor, Einiges vorherzusagen und also, möglicherweise, damit die Ursache von Kriegen heraufzubeschwören.

34 [19]

Eine ungeheure Besinnung, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit neuen Fragen.

34 [20]

NB. Die vorletzten Jahrhunderte lehnten die Gothik als eine Barbarei ab (der Gothe war damals synonym mit dem Barbaren), das vorletzte Jahrhundert lehnte Homer ab. Darin liegt ein Geschmack: ein starker Wille zu seinem Ja und seinem Nein.— Die Fähigkeit, Homer wieder genießen zu können, ist vielleicht die größte Errungenschaft des europäischen Menschen,—aber sie ist theuer genug bezahlt.

34 [21]

Baudelaire, ganz deutsch bereits, eine gewisse hyper-erotische Ankränkelung abgerechnet, welche nach Paris riecht

34 [22]

Taine, der die Kühnheit der Erfindung hatte, zwischen Hegel und Henri Beyle das Typische zu finden, seine Methode, welche wesentlich heißt: die Geschichte kann nur durch Begriffe begriffen werden, die Begriffe aber muß der historische Mensch schaffen: und die Geschichte, wo es nur 4, 5 Faktoren giebt, ist am begreiflichsten.

34 [23]

die Maskerade des bourgeois, z. B. als Salambô und als heiliger Antonius

34 [24]

Manche, im Grunde flache und leichte Wesen—Völker sowohl wie Einzelne—haben ihre schätzenswerthesten und höchsten Augenblicke, wenn sie einmal, zu ihrer Verwunderung, schwer und schwermüthig werden. Ebenso ist vielleicht für das Vieh von Pöbel, welches ehemals im englischen Puritanismus oder heute als englische Heils-Armee moralisch zu grunzen anfängt, der Bußkrampf ihre höchste Leistung von “Humanität”; das soll man billig anerkennen. —

Aber Andere werden höher, wenn sie leichter werden! Es ist kein Zweifel: wenn eine Art Mensch ganze Geschlechter hindurch als Lehrer Ärzte Seelsorger und Vorbilder gelebt hat, ohne beständig nach Geld oder Ehren oder Stellungen aus[zu]blicken: so entsteht endlich ein höherer feinerer und geistigerer Typus. Insofern ist der Priester, vorausgesetzt daß er sich durch kräftige Weiber fortpflanzt, eine Art der Vorbereitung für die einstmalige Entstehung höherer Menschen.

34 [25]

Solche dogmatische Menschen wie Dante und Plato sind am fernsten und vielleicht dadurch am reizvollsten: die in einem zurechtgezimmerten und festgeglaubten Hause der Erkenntniß wohnen. Der Eine in seinem eigenen, der Andere im christlich-patristischen.

Es gehört eine ganz verschiedene Kraft und Beweglichkeit dazu, in einem unvollendeten System, mit freien unabgeschlossenen Aussichten, sich festzuhalten: als in einer dogmatischen Welt. Leonardo da Vinci steht höher als Michelangelo, Michelangelo höher als Rafael.

34 [26]

Man lobt unter den Gebildeten von Heute (welche alle—pro pudor!—Zeitungen lesen) die tiefen Menschen. Aber was dürften die, welche tiefe Menschen zu loben im Stande sind, selber von der Tiefe wissen!— Es sind gefährliche Menschen: daran ist gar nicht zu zweifeln. Man pflegt doch sonst die Abgründe nicht zu loben!

34 [27]

Briefe
an einen philosophischen Freund
.
Bei Gelegenheit
von Also sprach Zarathustra.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [28]

Aberglaube: an das Seiende zu glauben, an das Unbedingte, an den reinen Geist, an die absolute Erkenntniß, an den absoluten Werth, an das Ding an sich! In diesen Ansätzen steckt überall eine contradictio.

34 [29]

Skeptische Einreden.

34 [30]

Die Wahrnehmung der Sinne geschieht uns unbewußt: alles, was uns bewußt wird, sind schon bearbeitete Wahrnehmungen

34 [31]

Die große Loslösung macht er für sich—nicht, daß er sie von Anderen verlangt oder gar seine Pflicht darin sähe, sie Anderen mitzutheilen und aufzudrängen

34 [32]

Die große Ebbe seit Jahrtausenden in der Erfindung von Werthen

34 [33]

Die Gesetzgeber der Zukunft.
1. Die Herkunft
2. Der gebundenste Geist.
3. Die grosse Loslösung.
4. Das Leiden am Menschen.
5. Der neue Wille.
6. Der Hammer.

34 [34]

Acedia bei mir—umgekehrt wie bei den Mönchen. Ich ärgere mich über das übergroße Mitleiden bei mir: ich freue mich, wenn mein ego wach und guter Dinge ist.

34 [35]

1. Abälard wollte in die kirchliche Autorität Vernunft bringen, schließlich fand Descartes, daß alle Autorität nur in der Vernunft sei.

2. Die Selbst-Überwindung der Vernunft inneres Problem Pascals—zu Gunsten des christlichen “Glaubens.”

34 [36]

Das Problem des “Glaubens” ist eigentlich: ob der Instinkt mehr Werth hat als das Räsonnement und warum?

Unter den vielen Streiten über “Wissen und Glauben,” Util[itarismus] und Intuitionismus verbirgt sich diese Frage der Werthschätzung.

Socrates hatte sich naiv auf Seiten der Vernunft gestellt gegen den Instinkt. (Im Grunde aber war er doch allen moralischen Instinkten gefolgt, nur mit einer falschen Motivirung: als ob die Motive aus der Vernunft kämen. Ebenso Plato usw.)

Unwillkürlich suchte Plato, daß die Vernunft und der Instinkt dasselbe wollen. Ebenso bis auf heute Kant, Schopenhauer, die Engländer.

Im Glauben ist der Instinkt des Gehorsams gegen die höchste Autorität vorangestellt, also Ein Instinkt. Der kategorische Imperativ ist ein gewünschter Instinkt, wo dieser Instinkt und die Vernunft Eins sind.

34 [37]

Kant, ein feiner Kopf, eine pedantische Seele

34 [38]

Man vergebe mir diese anmaaßliche Behauptung: genau weil ich eine höhere und tiefere, auch wissenschaftlichere Auffassung des Weibes habe, als die Emancipatoren und Emancipatricen desselben, wehre ich mich gegen die Emancipation: ich weiß besser, wo ihre Stärke ist, und sage von ihnen: “sie wissen nicht was sie thun.” Sie lösen ihre Instinkte auf! mit ihren jetzigen Bestrebungen.

34 [39]

Bentham und der Utilitarismus ist abhängig von Helvétius—der ist das letzte große Ereigniß der Moral. In der deutschen Philosophie (Kant Schopenhauer) ist es immer noch “Pflicht” oder “Instinkt des Mitleidens”—die alten Probleme seit Sokrates (d. h. Stoicismus oder Christenthum, Aristokratie des Individuums oder Heerden-Güte)

34 [40]

Ich brauche

a) Jemanden, der meinen Magen überwacht
b) Jemanden, der mit mir lachen kann und einen ausgelassenen Geist hat.
c) Jemanden, der stolz auf meine Gesellschaft ist und “die Anderen” auf die richtige façon des Respekts gegen mich einhält
d) Jemanden, der mir vorliest, ohne ein Buch zu verdummen

34 [41]

Plaire—das große Geheimniß des französischen Willens, und im Grunde der Heerden-Moral. “Mitleid-haben,” Altruismus, ist die hypokritische Ausdrucksweise dafür.

34 [42]

NB. Bisher gehörten die meisten Künstler (eingerechnet die Historiker), selbst einige der größten, unter die Bedienten (sei es von Ständen oder Fürsten oder Frauen oder “Massen”), nicht zu reden von ihrer Abhängigkeit von Kirche und Moralgesetz. So hat Rubens die vornehme Welt seiner Zeit porträtirt, aber nach einem ihr vorschwebenden Geschmack, nicht nach seinem Maaß der Schönheit,—im Ganzen also wider seinen Geschmack. Darin war van Dyk vornehmer: welcher allen denen, die er malte, etwas von dem beilegte, was er selber bei sich am höchsten ehrte: er stieg nicht hinab, sondern zu sich hinauf, wenn er “Wiedergab.”

Die sklavische Unterthänigkeit des Künstlers vor seinem Publikum (wie sie selbst Sebastian Bach in unsterblich beleidigenden Worten dem Widmungsschreiben seiner Hohen Messe anvertraut hat) ist aus der Musik heraus vielleicht schwerer zu erkennen, aber sie steckt um so tiefer und gründlicher darin. Man würde es nicht aushalten, mir zuzuhören, wenn ich hierüber meine Beobachtungen mittheilen wollte.

34 [43]

NB. Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution reichlich präludirt und ohne Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, im Ganzen also das Übergewicht der Heerde über alle Hirten und Leithämmel, bringt mit sich

 1) Verdüsterung des Geistes—das Beieinander eines stoischen und frivolen Anscheins von Glück, wie es vornehmen Culturen eigen ist, nimmt ab: man läßt viel Leiden sehn und hören, welche man früher ertrug und verbarg.

2) die moralische Hypokrisie, eine Art, sich durch Moral auszeichnen zu wollen, aber durch die Heerden-Tugenden: Mitleid Fürsorge Wohltätig[keit], welche nicht außer dem Heerden-Vermögen erkannt und gewürdigt zu werden [pflegen]

3) eine wirkliche große Menge von Mitleiden und Mitfreude, das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Heerdenthiere haben—“Gemeinsinn,” “Vaterland,” alles, wo das Individuum nicht in Betracht kam

34 [44]

Diderot zeigte sich, nach Goethe’s Urtheil, wahrhaft deutsch ([Lefebvre] Saint Ogan [Essai sur linfluence française (Paris: 1885)] p. 248) in Allem, was die Franzosen tadelten. Aber auch die Neapolitaner, nach Galiani, acceptirten seinen Geschmack vollständig.

34 [45]

Baudelaire, von deutschem Geschmack, wenn ihn irgend ein Pariser haben kann, empfindet deutsch, wenn er Victor Hugo nicht aushält und ihn einen “Esel von Genie” nennt. [Vgl. Charles-Augustin Sainte-Beuve: Les Cahiers suivis de queleques pages de littérature antique (Paris: 1876), 36.]

34 [46]

Wenn ich etwas von einer Einheit in mir habe, so liegt sie gewiß nicht in dem bewußten Ich und dem Fühlen Wollen Denken, sondern wo anders: in der erhaltenden aneignenden ausscheidenden überwachenden Klugheit meines ganzen Organismus, von dem mein bewußtes Ich nur ein Werkzeug ist.— Fühlen Wollen Denken zeigt überall nur Endphänomene, deren Ursachen mir gänzlich unbekannt sind: das Aufeinanderfolgen dieser Endphänomene, wie als ob eines aus dem anderen folgte, ist wahrscheinlich nur ein Schein: in Wahrheit mögen vielleicht die Ursachen solchergestalt an einander gebunden sein, daß die End-Ursachen mir den Eindruck logischen oder psychologischen Verbandes machen. Ich leugne, daß ein geistiges oder seelisches Phänomen direkte Ursache ist von einem anderen geistigen oder seelischen Phänomen: ob es gleich so scheint. Die wahre Welt der Ursachen ist uns verborgen: sie ist unsäglich complicirter. Der Intellekt und die Sinne sind ein vor allem vereinfachender Apparat. Unsere falsche, verkleinerte, logisirte Welt der Ursachen ist aber die Welt, in welcher wir leben können. Wir sind soweit “erkennend,” daß wir unsere Bedürfnisse befriedigen können.



Das Studium des Leibes giebt einen Begriff von der unsäglichen Complikation.

Wenn unser Intellekt nicht einige feste Formen hätte, so wäre nicht zu leben. Aber damit ist für die Wahrheit aller logischen Thatsachen nichts bewiesen.

34 [47]

Die listige Selbst-Verkleinerung des Socrates, um damit seinen Gegner arglos und sicher zu machen, so daß er sich gehn läßt und gerade heraus sagt, was er denkt: ein Kunstgriff des Pöbel-manns! Die Logik war nicht zu Hause in Athen.

34 [48]

NB. Etwas helleren Kopf und etwas guten Willen: und man hält es nicht mehr aus, aus Gründen des Geschmacks, seine Erlebnisse “zu Ehren Gottes” zurecht zu deuten, ich meine, überall die Spuren seiner Fürsorge, Warnung, Bestrafung, Erziehung zu sehn. Ebenso wie ein guter Philologe (und überhaupt jeder philologisch geschulte Gelehrte) einen Widerwillen gegen falsche Text-Ausdeutungen (z. B. die der protestantischen Prediger auf den Kanzeln—weshalb die gelehrten Stände nicht mehr in die K[irche] gehn—) hat, ebenso, und nicht infolge großer “Tugend” “Redlichkeit” usw., geht einem die Falschmünzerei der religiösen Interpretation aller Erlebnisse gegen den Geschmack. —

34 [49]

Unsere Lust an Einfachheit, Übersichtlichkeit, Regelmäßigkeit, Helligkeit, woraus zuletzt ein deutscher “Philosoph” so etwas wie einen kategorischen Imperativ der Logik und des Schönen entnehmen könnte—davon gestehe ich einen starken Instinkt als vorhanden zu. Er ist so stark, daß er in allen unseren Sinnesthätigkeiten waltet und uns die Fülle wirklicher Wahrnehmungen (der unbewußten—) reduzirt, regulirt, assimilirt usw. und sie erst in dieser zurechtgemachten Gestalt unserem Bewußtsein vorführt. Dies “Logische,” dies “Künstlerische” ist unsere fortwährende Thätigkeit. Was hat diese Kraft so souverain gemacht? Offenbar, daß ohne sie, vor Wirrwarr der Eindrücke, kein lebendes Wesen lebte.

34 [50]

(Ich sehe nicht ein, warum das Organische überhaupt einmal entstanden sein muß — —)

34 [51]

In der Chemie zeigt sich, daß jeder Stoff seine Kraft so weit treibt als er kann: da entsteht etwas Drittes.

Die Eigenschaften eines Kindes sind aus der allergenauesten Kenntniß von Vater und Mutter nicht abzuleiten. Denn es sind die Wirkungen des Dritten auf uns, diese Eigenschaften: die Wirkungen des Ersten aber und die Wirkungen des Zweiten d. h. ihre Eigenschaften sind unmöglich zu addiren, als “Wirkungen des Dritten”

34 [52]

Die Kette der Ursachen ist uns verborgen: und der Zusammenhang und die Abfolge der Wirkungen giebt nur ein Nacheinander: mag dasselbe auch noch so regelmäßig sein, damit begreifen wir es nicht als nothwendig.— Doch können wir hinter einander verschiedene Reihen, solcher Aufeinanderfolgen constatiren: z. B. beim Klavierspiel das Aufeinander der angeschlagenen Tasten, das Aufeinander der angeschlagenen Saiten, das Aufeinander der erklingenden Töne.

34 [53]

Kritik des Instinkts der Ursächlichkeit.

Der Glaube, daß eine Handlung auf ein Motiv hin geschieht, ist instinktiv allmählig generalisirt worden, zu den Zeiten, wo man alles Geschehen nach Art bewußter lebender Wesen imaginirte. “Jedes Geschehn geschieht auf Grund eines Motivs: die causa finalis ist die causa efficiens” —

Dieser Glaube ist irrthümlich: der Zweck, das Motiv sind Mittel, uns ein Geschehn faßlich praktikabel zu machen.— Die Verallgemeinerung war ebenfalls irrthümlich und unlogisch.

Kein Zweck.

Kein Wille.

34 [54]

Die umgekehrte Zeitordnung.

Die “Außenwelt” wirkt auf uns: die Wirkung wird ins Gehirn telegraphirt, dort zurechtgelegt, ausgestaltet und auf seine Ursache zurückgeführt: dann wird die Ursache projicirt und nun erst kommt uns das Factum zum Bewußtsein. D. h. die Erscheinungswelt erscheint uns erst als Ursache, nachdem “sie” gewirkt hat und die Wirkung verarbeitet worden ist. D.h. wir kehren beständig die Ordnung des Geschehenden um.— Während “ich” sehe, sieht es bereits etwas Anderes. Es steht wie bei dem Schmerz.

34 [55]

Der Glaube an die Sinne. Ist eine Grundthatsache unseres Intellekts, er nimmt von ihnen entgegen das Rohmaterial, welches er auslegt. Dies Verhalten zum Rohmaterial, welches die Sinne bieten, ist, moralisch betrachtet, nicht geleitet von der Absicht auf Wahrheit, sondern wie von einem Willen zur Überwältigung, Assimilation, Ernährung. Unsere beständigen Funktionen sind absolut egoistisch, machiavellistisch, unbedenklich, fein. Befehlen und Gehorchen auf’s Höchste getrieben, und damit vollkommen gehorcht werden kann, hat das einzelne Organ viel Freiheit.

Der Irrthum im Glauben an Zwecke.

Wille—eine überflüssige Annahme.

Die umgekehrte Zeit-Ordnung.

Kritik des Glaubens an Ursächlichkeit.

Der Glaube an die Sinne als Grundthatsache unseres Wesens.

Die Central-Gewalt—darf nicht wesentlich verschieden sein von dem, was sie beherrscht.

Die Geschichte der Entstehung erklärt die Eigenschaften nicht. Letztere müssen schon bekannt sein. Historische Erklärung ist Reduktion auf ein uns gewohntes Aufeinander: durch Analogie.

34 [56]

Die mechanistische Welt-Erklärung ist ein Ideal: mit so wenig als möglich möglichst viel zu erklären, d. h. in Formeln zu bringen. Nöthig noch: die Leugnung des leeren Raumes; der Raum bestimmt und begrenzt zu denken; ebenso die Welt als ewig sich wiederholend.

34 [57]

Wie ein Volks-Charakter, eine “Volks-Seele” entsteht, das giebt Aufschluß über die Entstehung der Individual-Seele. Zunächst wird eine Reihe von Thätigkeiten ihm aufgezwungen, als Existenz-Bedingungen, an diese gewöhnt es sich, sie werden fester und gehen mehr in die Tiefe. Völker, welche große Wandelungen erleben und unter neue Bedingungen gerathen, zeigen eine neue Gruppirung ihrer Kräfte: dies und jenes tritt heraus und bekommt Übergewicht, weil es jetzt nöthiger ist zur Existenz, z. B. der praktische nüchterne Sinn am jetzigen Deutschen. Aller Charakter ist erst Rolle. Die “Persönlichkeit” der Philosophen—im Grunde persona.

34 [58]

Die Zahl ist unser großes Mittel, uns die Welt handlich zu machen. Wir begreifen so weit als wir zählen können d. h. als eine Constanz sich wahrnehmen läßt.

34 [59]

Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philoso[phie] bisher am meisten aufgehalten worden.

34 [60]

Auch innerhalb unserer Welt der Sinne, wenn wir sie nur verschärfen oder verschärft denken, ergiebt sich eine Welt, welche ganz anders auf unser Gefühl wirkt

34 [61]

Das Vorurtheil der Ursächlichkeit
das Vorurtheil des Willens
das Vorurtheil des Zwecks
das Vorurtheil der Persönlichkeit
Erkenntniß: ein falscher Begriff d. h. ein Begriff, zu dessen Aufstellung wir kein Recht haben.
Beseitigung 1) des Willens
  2) der Zwecke als “wozu” und “wodurch”
  3) folglich auch der Ursächlichkeit
(welche aus Beidem sich ableitet)

34 [62]

“Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?”—durch ein Vermögen dazu” war die berühmte Kantische Antwort, welche Vielen solche Genugthuung gegeben hat.

34 [63]

Die nützlichsten Begriffe sind übrig geblieben: wie falsch sie auch immer entstanden sein mögen.

34 [64]

Im ersten Buche der “Glaube an die Wahrheit” zu erschüttern: Wahrhaftigkeit ist nützlich, aber nur in einem kleinen Quantum, vor allem bei solchen, welche nichts zu verantworten haben. Ebenso die Achtung vor den Philosophen.

34 [65]

Die allgemeine Vergröberung des europäischen Geistes, ein gewisses täppisches Geradezu, welches sich gerne als Geradheit, Redlichkeit oder Wissenschaftlichkeit rühmen hört: das gehört der Herrschaft des Gedankens des demokratischen Zeitgeistes und seiner feuchten Luft: noch bestimmter—es ist die Wirkung des Zeitungslesens. Bequemlichkeit will man oder Betrunkenheit, wenn man liest: bei weitem das Meiste, was gelesen wird, ist Zeitung oder Zeitungs-Art. Man sehe unsere Revuen, unsere gelehrten Zeitschriften an: jeder, der da schreibt, redet wie vor “ungewählter Gesellschaft” und läßt sich gehn, oder vielmehr sitzen, auf seinem Lehnstuhle.— Da hat es Einer schlimm, welcher am meisten Werth auf die Hintergedanken legt und mehr als alles Ausgesprochene die Gedankenstriche in seinen Büchern liebt.— Die Freiheit der Presse richtet den Stil zu Grunde und schließlich den Geist: das hat vor 100 Jahren schon Galiani gewußt.— Die “Freiheit des Gedankens” richtet die Denker zu Grunde.— Zwischen Hölle und Himmel, und in der Gefahr von Verfolgungen Verbannungen ewigen Verdammnissen und ungnädigen Blicken der Könige und Frauen war der Geist biegsam und verwegen geworden: wehe, wozu wird heute der “Geist”!

34 [66]

Immer ironice: es ist eine köstliche Empfindung, einem solchen wahrhaftigen Denker zuzusehn. Aber es ist noch angenehmer, zu entdecken, daß dies Alles Vordergrund ist, und daß er im Grunde etwas Anderes will und auf sehr verwegene Weise will. Ich glaube, daß der Zauber des Socrates der war: er hatte eine Seele und dahinter noch eine und dahinter noch eine. In der vordersten legte sich Xenophon schlafen, auf der zweiten Plato und auf der dritten noch einmal Plato, aber Plato mit seiner eigenen zweiten Seele. Plato selber ist ein Mensch mit vielen Hinterhöhlen und Vordergründen.

34 [67]

NB. Unser Zeitalter ist in seinen wesentlichsten Instinkten skeptisch: fast alle feineren Gelehrten und Künstler sind es, ob sie es sich schon nicht gerne zugeben. Der Pessimismus, das Nein-sagen ist nur für die Bequemlichkeit des Geistes leichter: unser feuchtes Zeitalter mit demokratischer Luft ist vor allem bequem. Wo der Geist delikater ist, sagt er: “ich weiß nicht” und “ich traue mir und Niemandem mehr” “ich weiß nicht mehr, wo aus, noch ein,” und “hoffen—” das ist eine Phrase für Verlogene oder für demagogische Redner und Künstler. Skepsis—ist der Ausdruck einer gewissen physiologischen Beschaffenheit, wie sie bei einer großen Kreuzung vieler Rassen nothwendig entsteht: die vielen vererbten Werthschätzungen sind mit einander im Kampf, stören sich gegenseitig am Wachsen. Die Kraft, welche hier am meisten abhanden kommt, ist der Wille: deshalb große Furcht vor der Verantwortlichkeit, weil Niemand für sich selber gut sagen kann. Versteck unter Gemeinschaften, “Eine Hand deckt die andere” heißt es da. So bildet sich eine Heerden-Art aus: und wer einen starken befehlerischen und verwegenen Willen hat, kommt unbedingt auch zur Herrschaft in solchen Zeiten.

34 [68]

Man klagt, wie schlimm es bisher die Philosophen gehabt haben: die Wahrheit ist, daß zu allen Zeiten die Bedingungen zur Erziehung eines mächtigen verschlagenen verwegenen unerbittlichen Geistes günstiger waren als heute. Heute hat der Demagogen-Geist, wie auch der Gelehrten-Geist günstige Bedingungen. Aber man sehe doch unsere Künstler an: ob sie an einer Zuchtlosigkeit fast nicht alle zu Grunde gehen. Sie werden nicht mehr tyrannisch, so lernen sie auch nicht mehr, sich selber tyrannisiren. Wann war das Weib so gering, wie heute! Alles wird schwächer, weil Alles es bequemer haben will.— Ich bin durch die härteste Schule körperlicher Schmerzen gegangen: und das Bewußtsein, darunter mich selber festgehalten zu haben und schweigsam — —

34 [69]

Die feinsten Köpfe des vorigen Jahrhunderts, Hume und Galiani, alle mit Staatsdiensten vertraut: ebenso Stendhal Tocqueville

34 [70]

Hume fordert (um mit Kants Worten zu reden [vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, III, 105, 496]) die Vernunft auf, ihm Rede und Antwort zu geben, mit welchem Rechte sie sich denkt: daß etwas so beschaffen sein könne, daß, wenn es gesetzt ist, dadurch auch etwas anderes nothwendig gesetzt werden müsse, denn das sagt der Begriff der Ursache. Er bewies unwidersprechlich, daß es der Vernunft ganz unmöglich sei, a priori und aus Begriffen eine solche Verbindung zu denken usw.— Aber die Thorheit war, nach Gründen für das Recht der Begründung zu fragen. Er that das Thun, welches er eben prüfen wollte.

34 [71]

Die Lüge des Erziehers z. B. bei Kants kategorischem Imperativ. “Sollte Gott doch ein Betrüger sein, trotz Descartes?”

34 [72]

NB. Wahrhaftig, moralisch-streng und häßlich gehört zusammen: das hat das Christenthum gut gefühlt. Der schöne Mensch kann weder wahrhaftig, noch gütig sein, nur ausnahmsweise.

34 [73]

Was uns ebenso von Kant, wie von Plato und Leibnitz trennt: wir glauben an das Werden allein auch im Geistigen, wir sind historisch durch und durch. Dies ist der große Umschwung. Lamarek und Hegel—Darwin ist nur eine Nachwirkung. Die Denkweise Heraklits und Empedokles’ ist wieder erstanden. Auch Kant hat die contradictio in adjecto “reiner Geist” nicht überwunden: wir aber — — —

34 [74]

Der menschliche Horizont. Man kann die Philosophen auffassen als solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu erproben, wie weit sich der Mensch erheben könne, besonders Plato: wie weit seine Kraft reicht. Aber sie thun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne, in der Entwicklung und unter “günstigen Umständen.” Aber sie begriffen nicht genug, was “günstige Umstände” sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze “Mensch” am prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der Historie nöthig.

34 [75]

Es ist merkwürdig, wie die Stoiker und fast alle Philosophen keinen Blick für die Ferne haben. Und dann wieder die Dummheit der Socialisten, welche immer nur die Bedürfnisse der Heerde repräsentiren.

34 [76]

Die mechanistische Vorstellung, als regulatives Princip der Methode voranzustellen. Nicht als die bewiesenste Weltbetrachtung, sondern als die, welche die größte Strenge und Zucht nöthig macht und am meisten alle Sentimentalität bei Seite wirft. Zugleich eine Probe für das physische und seelische Gedeihen: mißrathene willensschwache Rassen gehen daran zu Grunde, durch Sinnlichkeit oder durch Melancholie oder, wie Inder, durch Beides.

34 [77]

Großes Lob auf das Christenthum als die ächte Heerden-Religion.

34 [78]

Mittag und Ewigkeit.

  1. Frei zum “wahr” und “unwahr”
  2. frei zum “gut” und “böse”
  3. frei zum “Schön” und “häßlich”
  4. der höhere Mensch als der mächtigere, und die bisherigen Versuche: “es ist die rechte Zeit.”
  5. der Hammer—eine Gefahr, an der der Mensch zerbrechen kann.

34 [79]

Kant meinte, mit seiner Kategorien-Tafel in der Hand “das ist das Schwerste was jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden konnte.”— man mißverstehe doch ja nicht, wo er seinen Stolz hatte.

34 [80]

Derbheit und Delikatesse zusammen bei Petronius, auch bei Horaz: mir am angenehmsten. Es gehört zum griechischen Geschmack. Homer war den Menschen um La Rochefoucauld herum zu derb, sie konnten das Triviale nicht genießen. Sie hielten eine gewisse hohe Empfindung bei sich fest, wie jetzt viele  Deutsche, und  verachte[te]sich, wenn  etwas  wie  Genuß  an  niederen Sphären  in  ihnen  sich  regt[e]. Aristophanes ist das Gegenstück: nihil humani—ist antik.

34 [81]

An die Spitze zu stellen: auch die Instinkte sind geworden; sie beweisen nicht[s] für das Übersinnliche, nicht einmal für das Animalische, nicht einmal für das typisch Menschliche.



Daß der Geist geworden ist und noch wird, daß, unter zahllosen Arten des Schließens und Urtheilens, die uns jetzt geläufigste irgendwie uns am nützlichsten ist und sich vererbt hat, weil die so denkenden Individuen günstigere Chancen hatten: daß damit Nichts über “wahr” und “unwahr” bewiesen ist, — — —

34 [82]

Anti-Kant.

“Vermögen, Instinkte, Vererbung, Gewohnheit”—wer mit solchen Worten etwas zu erklären meint, muß heute bescheiden und überdies schlecht geschult sein. Aber am Ausgange des vorigen Jahrhunderts wüthete es. Galiani erklärte alles aus Gewohnheiten und Instinkten. Hume erklärte den Causalitätssinn aus der Gewohnheit; Kant, mit großer Ruhe sagte: “es ist ein Vermögen.” Alle Welt war glücklich, besonders als er auch ein moralisches Vermögen entdeckte. Hier lag der Zauber dieser Philosophie: die jungen Theologen des Tübinger Stifts gingen in die Büsche—alle suchten nach—Vermögen. Und was fand man nicht Alles! Schelling taufte es “die intellektuelle Anschauung,” ein Vermögen für’s “Übersinnliche.” Schopenhauer meinte an einem schon bereits genügend geschätzten Vermögen, am Willen, dasselbe gefunden zu haben und mehr, nämlich das “Ding an sich.” In England entstanden die Instinktivisten und Intuitionisten der Moral. Es war die alte Sache vom Glauben und Wissen, eine Art “formaler Glauben” welche irgend einen Inhalt in Anspruch nahm. Die Geschichte geht wesentlich die Theologen an. Im Stillen wird Leibnitz wieder lebendig, und hinter Leibnitz—Plato. Die Begriffe als anamnhsiV usw. Diese skeptisch beginnende Bewegung ist in der That gegen die Scepsis gerichtet, sie hat einen Genuß in der Unterwerfung

34 [83]

NB. Das Lästigste, was die Schriften unklarer, schlecht geschulter und unphilosophischer Geister an sich haben, ist noch nicht einmal ihre mangelhafte Schlußfähigkeit und der unfeste wackelnde Gang ihrer Logik. Es ist die Unfestigkeit der Begriffe selber, für welche sie sich der Worte bedienen: diese Menschen haben nur ungestaltete schwimmende Kleckse von Begriffen im Kopfe.— Den guten Autor aber zeichnet nicht nur die Kraft und Bündigkeit seiner Satz-Form aus: sondern man erräth, man riecht, falls man der Mensch feiner Nüstern ist, daß ein solcher Schriftsteller sich beständig zwingt und übt, vorerst seine Begriffe auf strenge Weise festzustellen und fester zu machen, also mit seinen Worten eindeutige Begriffe zu verbinden: und, bevor das nicht gethan ist, nicht schreiben mag!— Übrigens giebt es manche Zauber auch im Unsicheren, Dämmernden, Halblichten: so wirkte vielleicht Hegel auf das Ausland am meisten durch seine Kunst, in der Weise eines Betrunkenen von den aller nüchternsten und kältesten Dingen zu reden. Dies war wirklich in dem großen Reiche der Berauschungen eine der seltsamsten, die je erfunden wurden,—und recht eigentlich eine Sache der deutschen Genialität! Denn wir haben, wohin nur Deutsche und deutsche “Tugenden” gedrungen sind, überall auch die Lust und Begierde der groben und feinen Alcoholica hingetragen und mitgebracht.— Vielleicht gehört hierhin auch die berückende Gewalt unserer deutschen Musik.

34 [84]

NB. Was Plato und im Grunde alle Nach-Sokratiker thaten: das war eine gewisse Gesetzgebung der Begriffe:—sie stellten für sich und ihre Jünger fest “das und das soll unter uns bei diesem Worte gedacht und gefühlt werden”:—damit lösten sie sich am bestimmtesten aus ihrer Zeit und Umgebung los. Es ist dies eine der Arten feinen Ekels, mit dem sich höhere, anspruchsvollere Naturen gegen die unklare Menge und ihren Begriffs-Wirrwarr empören.

34 [85]

Was ist denn diese ungeheure Macht, welche dermaaßen seit 2 Jahrtausenden die Philosophen narrt und die Vernunft der Vernünftigen zu Falle bringt? Jener Instinkt, jener Glaube, wie ihn das Christenthum verlangt: das ist der Heerden-Instinkt selber, der Heerden-Glaube des Thiers “Mensch,” das Heerden-Verlangen nach der vollkommenen Unterwerfung unter eine Autorität—(dasselbe, was aus dem deutschen Heerden-Instinkte heraus Kant den “kategorischen Imperativ” getauft hat.) In der That ist es die größte Erleichterung und Wohlthat, für gefährdete schwankende zarte schwache Heerden-Thiere, einen absolut Befehlenden, einen Leithammel zu bekommen: es ist ihre erste Lebensbedingung. Die Brahmanen verstanden sich auf diese Erleichterung, die Jesuiten ebenfalls, fast in allen Klöstern ist der Grund-Hang dieser: endlich einmal die ewige Agitation, welche das Selbst-Sich-Befehlen mit sich bringt, los zu werden. Dieser Instinkt zum Glauben ist auch der eigentlich weibliche Instinkt; und wenn die Weiber Einen unerbittlichen Lehrer finden, der von ihnen Gehorsam und Niederwerfung will, oder auch nur einen Künstler, der das Weib in der Attitüde seiner “Vollkommenheit,” als; anbetendes   hingebendes   hingegebenes   Geschöpf,   als   Opfer   zeigt,  wie  z. B. R[ichard] W[agner], da sind sie vor Glück “außer sich”: nämlich in ihren letzten Instinkten vor sich selber bestätigt und befriedigt.— In schwächerer Form sieht man es an den Franzosen, die, als die liebenswürdigsten Europäer, auch die heerdenmäßigsten sind: es wird ihnen nur wohl, wenn sie vor ihrem esprit es sich erlauben dürfen, einmal “unbedingt zu gehorchen”: wie vor dem Napoleon. Oder auch vor den “Ideen der französischen Revolution”—oder auch vor Victor Hugo (welcher sein langes Leben lang diesem allerschönsten Heerden-Instinkte immer im Namen der Freiheit schöne Worte und Prunkmäntel umgehängt hat).— Das Alterthum war, als das Christenthum kam, inwendig durch Gegensätze der Werthschätzungen hin- und hergerissen (in Folge der physiologischen Bedingung des unsinnigen Gleichheits-Begriffs civis Romanus oder von jener unsinnigen Staats-Erweiterung des imperium Romanum) und das Christenthum gab die große Erleichterung.

34 [86]

Worte sind Tonzeichen für Begriffe: Begriffe aber sind mehr oder weniger sichere Gruppen wiederkehrender zusammen kommender Empfindungen. Daß man sich versteht, dazu gehört noch nicht, daß man dieselben Worte gebraucht: man muß dieselben Worte auch für dieselbe Gattung innerer Erlebnisse brauchen—und man muß diese gemeinsam haben. Deshalb verstehen sich die Menschen Eines Volkes besser: oder, wenn Menschen lange in ähnlichen Bedingungen des Climas, der Thätigkeiten, der Bedürfnisse zusammen gelebt haben, so gewinnt eine gewisse Gattung von solchen ihnen allen nächst verständlichen Erlebnissen die Oberhand: das schnelle Sich-Verstehn ist die Folge. Und das Sich-Verheirathen, und die Vererbung ist wieder die Folge davon. Es ist das Bedürfniß, schnell und leicht seine Bedürfnisse verstehn zu geben, was Menschen am festesten an einander bindet. Andererseits hält Nichts von Freundschaft, Liebschaft fest, wenn man dahinter kommt, daß man bei den Worten Verschiedenes meint. Welche Gruppen von Empfindungen im Vordergrund stehn, das bedingt nämlich die Werthschätzungen: die Werthschätzungen aber sind die Folge unserer innersten Bedürfnisse. —

Dies ist gesagt, um zu erklären, warum es schwer ist, solche Schriften wie die meinigen zu verstehen: die inneren Erlebnisse, Werthschätzungen und Bedürfnisse sind bei mir anders. Ich habe Jahre lang mit Menschen Verkehr gehabt und die Entsagung und Höflichkeit so weit getrieben, nie von Dingen zu reden, die mir am Herzen lagen. Ja ich habe fast nur so mit Menschen gelebt. —

34 [87]

Wir bilden uns ein, daß das Befehlende, Oberste in unserem Bewußtsein stecke. Zuletzt haben wir ein doppeltes Gehirn: die Fähigkeit, etwas von unserem Wollen, Fühlen, Denken selber zu wollen, zu fühlen und zu denken fassen wir mit dem Wort “Bewußtsein” zusammen.

34 [88]

NB. Jene gesetzgeberischen und tyrannischen Geister, welche im Stande sind, einen Begriff fest zu setzen, fest zu halten, Menschen mit dieser geistigen Willenskraft, welche das Flüssigste, den Geist, für lange Zeit zu versteinern und beinahe zu verewigen wissen, sind befehlende Menschen im höchsten Sinne: sie sagen “ich will das und das gesehen wissen, ich will es genau so, ich will es dazu und nur dazu.”— Diese Art gesetzgeberischer Menschen hat nothwendig zu allen Zeiten den stärksten Einfluß ausgeübt: ihnen verdankt man alle typischen Ausgestaltungen des Menschen: sie sind die Bildner—und der Rest (die Allermeisten in diesem Falle—) sind gegen sie gehalten nur Thon.

34 [89]

Die festgesetztesten Bewegungen unseres Geistes, unsere gesetzmäßige Gymnastik z. B. in Raum- und Zeit-Vorstellungen, oder in dem Bedürfniß nach “Begründung”: dieser philosophische habitus des menschlichen Geistes ist unsere eigentliche Potenz: also daß wir in vielen geistigen Dingen nicht mehr anders können: was man psychologische Nothwendigkeit nennt. Diese ist geworden:—und zu glauben, unser Raum, unsere Zeit, unser Causalitäts-Instinkt sei etwas, das auch abgesehn vom Menschen Sinn habe, ist nachgerade eine Kinderei.

34 [90]

Ich bin feindselig 1) gegen die Entsinnlichung: sie stammt von den Juden, von Plato, der durch Ägypter und Pythagoreer verdorben war (und diese durch Buddhisten)

Dem provençalischen Geiste, der heidnisch geblieben ist, ich meine “nicht germanisirt,” verdankt man die Vergeistigung des amor der Geschlechtsliebe: während es das Alterthum nur zu einer Vergeistigung der Päderastie gebracht hat.

2) gegen alle Lehren, welche ein Ende, eine Ruhe, einen “Sabbat aller Sabbate” ins Auge fassen. Solche Denkweisen kennzeichnen gährende, leidende, oft auch absterbende Rassen, z.B. solche Verse, wie bei R[ichard] W[agners] “Nibelungen”

34 [91]

“Gewohnheit”: das bedeutet bei einem sklavisch gesinnten Menschen etwas Anderes als bei einem Vornehmen.

34 [92]

Man verdankt der christlichen Kirche:

1) eine Vergeistigung der Grausamkeit: die Vorstellung der Hölle, die Foltern und Ketzergerichte, die Autodafés sind doch ein großer Fortschritt gegen die prachtvolle aber halb blödsinnige Abschlachterei in den römischen Arenen. Es ist viel Geist, viel Hintergedanke in die Grausamkeit gekommen.— Sie hat viele Genüsse erfunden —

2) sie hat den Europäer-Geist fein und geschmeidig gemacht, durch ihre “Intoleranz.” Man sieht es sofort, wie in unserem demokratischen Zeitalter, mit der Freiheit der Presse, der Gedanke plump wird. Die Deutschen haben das Pulver erfunden—alle Achtung! Aber sie haben es wieder quitt gemacht: sie erfanden die Presse. Die antike Polis war ganz ebenso gesinnt. Das römische Reich ließ umgekehrt viel Freiheit im Glauben und Nichtglauben: mehr als heute irgendein Reich läßt: die Folge war sofort die allergrößte Entartung Vertölpelung und Vergröberung des Geistes.— Wie gut nimmt sich Leibnitz und Abälard, Montaigne, Descartes und Pascal aus! Die geschmeidige Verwegenheit solcher Geister zu sehn ist ein Genuß, welchen man der Kirche verdankt.— Der intellektuelle Druck der Kirche ist wesentlich die unbeugsame Strenge, vermöge deren die Begriffe und Werthschätzungen als festgestellt, als aeternae behandelt werden. Dante giebt einen einzigen Genuß dadurch: man braucht unter einem absoluten Regiment keineswegs beschränkt zu sein. Wenn es Schranken gab, so waren sie um einen ungeheuren Raum gespannt, Dank Plato: und man konnte sich darin bewegen wie Bach in den Formen des Contrapunkts, sehr frei.— Baco und Shakespeare widern fast an, wenn man diese “Freiheit unter dem Gesetz” gründlich schmecken gelernt hat. Ebenso die neueste Musik im Vergleich zu Bach und Händel.

34 [93]

Wie sich Friedrich der Große beständig über den “féminisme” in der Regentschaft seiner Nachbarstaaten lustig macht, so Bismarck über den “Parlamentarismus”: es ist ein neues Mittel, zu machen, was man will.

34 [94]

Der Anblick des jetzigen Europäers giebt mir viele Hoffnung: es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst intelligenten Heerden-Masse. Es steht vor der Thür, daß die Bewegungen zur Bindung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehn.

34 [95]

Gegen den falschen Idealismus, wo durch übertriebene Feinheit sich die besten Naturen der Welt entfremden. Wie schade, daß der ganze Süden Europas um die Vererbung jener gebändigten Sinnlichkeit gekommen ist, durch die Abstinenz der Geistlichen! Und daß solche Shelleys, Hölderlins, Leopardis zu Grunde gehn, ist billig, ich halte nicht gar viel von solchen Menschen. Es ergötzt mich, an die Revanchen zu denken, welche die derbe Natürlichkeit der Natur bei solcher Art Menschen nimmt z. B. wenn ich höre, daß L[eopardi] früher On[anie] trieb, später impotent war.

34 [96]

NB. Ein großer Mensch, ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile aufgebaut und erfunden hat, was ist das? Erstens: er hat in seinem gesamten Thun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter auch die schönsten “göttlichsten” Dinge von der Welt. Zweitens: er ist kälter, härter, unbedenklicher und ohne Furcht vor derMeinung”; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der “Achtung” und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur “Tugend der Heerde” gehört. Kann er nicht führen, so geht er allein; es kommt dann vor, daß er Manches, was ihm auf dem Wege begegnet, angrunzt. 3) er will kein “theilnehmendes” Herz, sondern Diener, Werkzeuge, er ist, im Verkehre mit Menschen, immer darauf aus, etwas aus ihnen zu machen. Er weiß sich unmittheilbar: er findet es geschmacklos, wenn er “vertraulich” wird; und er ist es gewöhnlich nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und Willen. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als etwas Unerreichbares für Lob und Tadel, als eine eigene Gerichtsbarkeit, welche keine Instanz über sich hat.

34 [97]

Was ich an dem Deutschen gerne wahrnehme, das ist seine Mephistopheles-Natur: aber die Wahrheit zu sagen, man muß sich einen höheren Begriff des M[ephistopheles] machen, als Goethe, [der] nöthig hatte, um seinen “inwendigen Faust” zu vergrößern, seinen M[ephistopheles] zu verkleinern. Der wahre deutsche Mephistopheles ist viel gefährlicher, kühner, böser, verschlagener und folglich offenherziger: man denke sich das Innewendige von Friedrich dem Großen. Oder von jenem viel größeren Friedrich, von jenem Hohenstaufen Friedrich 2.— Der ächte deutsche Mephistopheles steigt über die Alpen, glaubt, daß ihm dort Alles zugehört. Deshalb wird ihm wohl, wie es Winckelmann wohl wurde, wie Mozart. Er betrachtet Faust und Hamlet als Carikaturen, die zum Lachen erfunden sind, insgleichen Luther. Goethe hatte gute deutsche Augenblicke, wo er über das Alles innewendig lachte. Aber dann fiel er selber wieder in die feuchten Stimmungen zurück.

Das Erstaunen Napoleon’s, als er einen deutschen Dichter sah und—einen Mann fand! Er hatte erwartet, einen deutschen Dichter zu finden! —

Der Deutsche ist umfänglich: an der einen Seele hat sich eine zweite angebärt, es giebt Höhlen, Zwischengänge, er kann oberflächlich scheinen, die Offenheit und Biederkeit gehört zu den Kunstfertigkeiten des Deutschen.— “Gutmüthig und tückisch” ist bei anderen M[enschen] eine Unmöglichkeit; aber man lebe nur eine Zeitlang unter Schwaben! —

34 [98]

Ein  Zeitalter  der  Demokratie  treibt  den  Schauspieler  auf  die  Höhe, in  Athen, ebenso  wie heute. R[ichard] W[agner] hat bisher Alles darin überboten, und einen hohen Begriff vom Schauspieler erweckt, der Schauder erwecken kann. Musik, Poesie, Religion, Cultur, Buch, Familie, Vaterland, Verkehr—alles vorerst Kunst, will sagen Bühnen-Attitüde!

34 [99]

Schweine-Deutsch!— Verzeihung! Zeitungs-Deutsch! Da lese [ich] Friedrich Albert Lange [Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart (Iserlohn 41882)], ein braves Thier, welches man sogar, in Ermangelung braverer Thiere, deutschen Jünglingen anempfehlen darf: aber er schreibt zum Beispiel: “Mit dem Lobe der Gegenwart verbindet sich der Cultus der Wirklichkeit. Das Ideale hat keinen Cours; was sich nicht naturwissenschaftlich und geschichtlich legitimiren kann, wird zum Untergang verurtheilt.” Wozu lernt man eigentlich auf deutschen Schulen lateinisch und griechisch: wenn man nicht einmal den Ekel vor einem solchen schmutzigen Mischmasch lernt! Und welche Begeisterung haben gerade die eigentlichen Deutsch-Verderber erregt, ehemals Hegel, neuerdings Richard Wagner, allerjüngst Eugen Dühring!

34 [100]

Schrecklich zu denken, wenn ich durch meine Gedanken über das Weib irgend eine Schriftstellerin, nachdem sie sich und die Welt schon genugsam mit ihren Büchern gequält hat, zu dem Rachegedanken treiben könnte, zu Kindern zu kommen!

34 [101]

“Wenn ein Weib zu Kindern kommen will, läßt es gewöhnlich nicht die Kindlein zu sich kommen, sondern die Männer!” sagte eine alte Hebamme.

34 [102]

— Man gebe Acht darauf, ob das, was die Deutschen ihre Literatur nennen, nicht zum besten Theile auf Pfarrerssöhne zurückgeht.— Nun liegt in dieser Abkunft der deutschen Prosa von vornherein die Wahrscheinlichkeit, daß die feierlichen, würdevollen, langsamen, gravitätischen Gattungen am besten gepflegt sind: daß es am Allegro oder gar am Presto fehlen wird. Die außerordentliche Munterkeit eines Stils, wie il principe (ganz abgesehn vom Ernste seiner Angelegenheit), die Kürze Kraft, eine Art Lust am Gedräng schwerer Gedanken, giebt einen Nachhall florentinischer Beredsamkeit, namentlich der Advokaten. Auch im Voltaire ist Advokaten-Geschick höchsten Ranges, Advokaten-tempo. Das schnellste Tempo das ich vorfand in einem Schriftsteller, ist bei Petronius: der läuft wie ein geschwinder Wind und ist folglich nicht lüstern: er ist zu lustig dazu.

34 [103]

Die Deutschen.
Vermuthungen und Wünsche
von
F. N.

34 [104]

NB. Die Deutschen, von denen ich hier nur rede, sind etwas Junges und Werdendes: ich trenne sie ab von den Deutschen der Reformation und des dr[eißigjährigen] Krieges und will nicht an der Geschichtsfälscherei Antheil haben, welche über diese Kluft hinwegspringt: wie als ob damals nichts geschehen wäre. Daß sich in dem 16. Jahrhundert etwas mit ihnen zugetragen hat, was dem Untergang einer früheren Rasse gleichkommt, wird sich schwerlich leugnen lassen: diese Erscheinung der Entmuthigung, der Feigheit, der Greisenhaftigkeit, des chinesischen Zopfes, im Bilde zu reden—das muß im Ganzen die Folge einer furchtbaren Blutverderbniß gewesen sein, hinzugerechnet, daß die männlichen Männer fort und fort in’s Ausland giengen und im Auslande starben oder verdarben. Andererseits hat damals eine unfreiwillige Mischung mit wenig verwandten Rassen stattgefunden: die Unzucht des Krieges war, nach allen Beschreibungen, über die Maaßen unheilvoll. Es gab wohl hier und da noch Reste einer stärkeren Rasse: z. B. ist der Musiker Händel, unser schönster Typus eines Mannes im Reiche der Kunst, ein Zeugniß davon: oder, um ein Weib zu nennen, Frau Professor Gottsched, welche mit Fug und Recht eine gute Zeit lang über die deutschen Professoren das Scepter geführt hat,—man sehe sich doch die Bilder von Beiden an! Manche Gegenden reinigten sich schneller und kamen zur Gesundheit im Ganzen zurück, z. B. Hannover Westphalen Holstein,—da sitzt auch heute noch eine brave bäuerliche und phlegmatische Rasse.— Am schlimmsten stand es wohl mit dem deutschen Adel: der war am tiefsten geschädigt. Was davon zu Hause blieb, litt am Alcoholismus, was hinaus gieng und zurückkam, an der Syphilis. Bis heute hat er in geistigen Dingen wenig mitgeredet; und selbst was Bismarck betrifft, so ist seine Urgroßmutter aus dem Leipziger Professorenstande. —

34 [105]

Der Deutsche—nicht zu reden von den blödsinnigen deutschthümelnden Jünglingen, welche auch heute noch von “germanischen Tugenden” faseln—seine mystische Natur. Es gab noch keine deutsche Bildung: es gab Einsiedler, welche sich mit erstaunlichem Geschick verborgen zu halten wußten, inmitten der gröbsten Barbarei.

34 [106]

Der deutsche Schreibe-stil.
Mephistopheles.

34 [107]

Brutalität und dicht dabei krankhafte Zärtlichkeit des sinnlichen Gefühls bei R[ichard] W[agner]—ist höchst Pariserisch.

34 [108]

Ich nehme die demokratische Bewegung als etwas Unvermeidliches: aber als etwas, das nicht unaufhaltsam ist, sondern sich verzögern läßt. Im Großen aber nimmt die Herrschaft des Heerden-Instinkts und [der] Heerden-Werthschätzungen, der Epicuräismus und das Wohlwollen mit einander zu: der Mensch wird schwach, aber gut und gemüthlich.

34 [109]

NB. Die Parlamente mögen für einen starken und biegsamen Staatsmann äußerst nützlich sein, er hat da etwas, worauf er sich stützen kann—jedes solche Ding muß widerstehn können!— wohin er viele Verantwortung abwälzen kann! Im Ganzen aber wünschte ich, daß der Zahlen-Blödsinn und der Aberglaube an Majoritäten sich noch nicht in D[eutschland] wie bei den lateinischen Rassen festsetzte; und daß man endlich auch noch etwas in politicis erfinde! Es hat wenig Sinn und viel Gefahr, die noch so kurze und leicht wieder auszurottende Gewohnheit des allgemeinen Stimmrechts tiefer Wurzel schlagen zu lassen: während seine Einführung doch nur eine Noth- und Augenblicks-Maaßregel war.

34 [110]

Mir scheint das erfinderische Vermögen und die Anhäufung von Willens-Kraft am größten und unverbrauchtesten bei den Slaven zu sein, Dank einem absoluten Regimente: und ein deutsch-slavisches Erd-Regiment gehört nicht zu dem Unwahrscheinlichsten. Die Engländer wissen die Consequenzen ihrer eigenen starrköpfigen “Selbst-Herrlichkeit” nicht zu überwinden, sie bekommen auf die Dauer immer mehr die homines novi ans Ruder und zuletzt die Weiber ins Parlament. Aber Politik treiben ist zuletzt auch Sache der Vererbung: es fängt Keiner an, aus einem Privatmann ein Mensch mit ungeheurem Horizonte zu werden.

34 [111]

Die Deutschen sollten eine herrschende Kaste züchten: ich gestehe, daß den Juden Fähigkeiten innewohnen, welche als Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich sind. Der Sinn für Geld will gelernt, vererbt und tausendfach vererbt sein: jetzt noch nimmt es der Jude mit dem Amerikaner auf.

34 [112]

Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches Wesen giebt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der Tiefe. Es giebt auch eine andere Art Barbaren, die kommen aus der Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar. —

34 [113]

Kein Volk von “Politikern von Beruf,” von Zeitungslesern!

34 [114]

— — — Die Kleinheit und Erbärmlichkeit der deutschen Seele war und ist ganz und gar nicht eine Folge der Kleinstaaterei: man ist bekanntlich in noch viel kleineren Staaten stolz und selbstherrlich gewesen: und nicht die Großstaaterei an sich macht die Seele freier und männlicher. In wessen Seele ein sklavischer Imperativ “du sollst und mußt knieen!” eine unfreiwillige Nackenbeugung gebietet vor Ehren-Titeln, Orden, gnädigen Blicken von Oben hinunter, der wird sich in einem “Reiche” nur noch tiefer bücken und den Staub vor dem großen Landesvater nur noch inbrünstiger auflecken, als er es vor dem kleinen that: daran ist nicht zu zweifeln.— Man sieht den Italiänern der unteren Stände es heute noch an, daß aristokratische Selbstgenugsamkeit und männliche Zucht und Gewißheit ihrer selber zur längsten Geschichte ihrer Stadt gehört und ihnen am besten vorgemacht worden ist; ein armer Gondoliere in Venedig ist immer noch eine bessere Figur als ein Berliner wirklicher Geheimrath, und zuletzt gar noch ein besserer Mann: das greift man mit den Fingern. Man frage darüber bei den Weibern an.

34 [115]

Die Bedienten-Seele.
Die Blut-Verderbniß.
Die moralische Tartüfferie.
Das “Gemüth.”
Die Unklarheit.
Die Verzögernden.
Muthmaaßung über das Südländische.
Die Häßlichkeit.
Die Hinter-Seele.
Die Abhängigkeit von Frankreich.
Der deutsche Professor und der Offizier.
Die niaiserie allemande.
Der deutsche Schreibestil.
Die Einsiedler.
Das “Ewig-Weibliche” am deutschen Manne.
Der Rausch und die Musik.
Der “historische Sinn.”
Der Schauspieler.
Die Bequemlichkeit (Philister) und der Krieg.
Die Philosophen.
Der Pessimismus. (Vergleich mit Frankreich).
Mehr Heerdenthier als je—aber es giebt günstige Bedingungen auch für Einzelne.

34 [116]

Das Achtbarste an Kant ist, daß er über die Leibnitzische Verführung hinwegkam und das Beste vom vorigen Jahrhundert, den Sensualismus festhielt.

34 [117]

NB. Schopenhauer, in seiner Jugend durch die Romantiker verführt und von seinen besten Instinkten abgelenkt, war im Grunde Voltairianer mit Kopf und Eingeweiden, und recht ein Kind des vorigen Jahrhunderts—im Übrigen aber durch die Griechen und durch Goethe über den französischen Geschmack hinausgeführt, und vor allem—kein Theolog! Die “Unveränderlichkeit des Charakters,” auf deutsch vielleicht die Faulheit, und andererseits der Glaube an die Unfehlbarkeit des Genie’s (auf deutsch vielleicht die Eitelkeit) brachte ihn dazu, seine “Jugendsünde,” ich meine seine Metaphysik des Willens, vorzeitig heilig zu sprechen; und sich selber nicht mehr zu “entwickeln.” Ein M[ensch] von seiner Begabung und inneren discordia hatte das Zeug zu fünf besseren Systemen im Kopfe, und eines immer wahrer und falscher als das andre.

34 [118]

Wir verstehn einen “causalen” Zusammenhang nicht, wir sehen aber, daß ein Factum, um constatirt zu werden, mehrere Facta in sich begreifen [soll]. Unsere Analyse stellt ein Nacheinander auf. Die Zahlen, die sich dabei ergeben, bedeuten nichts für den Zusammenhang jener Erscheinungen unter sich, sondern können irreführen: weil der Mensch in manchen Instinkten festgestellt ist, ergiebt sich eine Ähnlichkeit der Zahlenverhältnisse in Bezug zu ihm.

34 [119]

Stehen unsere Gedanken in einem causalen unmittelbaren Verhältniß zu einander? Oder ist deren logische Verbindung ein Schein? Ich meine, eine Folge davon, daß die veranlassenden Vorgänge jedes dieser Gedanken in einer Verbindung stehn, welche sich uns als “Schluß” und dergleichen darstellt. Es sind lauter Endglieder?— Oder giebt es ein unmittelbares Einwirken eines Gedankens auf einen anderen? Ein “Verursachen” hier wenigstens?

34 [120]

Die Erscheinungswelt “leerer Schein und Trug,” das Causalltäts-Bedürfniß, welches zwischen Erscheinungen Verbindungen herstellt, ebenfalls “leerer Schein und Trug”—damit kommt die moralische Verwerfung des Trügerischen und Scheinbaren zu Wort. Man muß darüber hinweg gehn. Es giebt keine Dinge an sich, auch kein absolutes Erkennen, der perspektivische, täuschende Charakter gehört zur Existenz.

34 [121]

Daß meine Werthschätzung oder Verurtheilung eines Menschen noch keinem anderen Menschen ein Recht giebt zu der gleichen Werthschätzung oder Verurtheilung:— es sei denn, daß er mir gleich steht und gleichen Ranges ist. Die entgegengesetzte Denkweise ist die der Zeitungen: daß die Werthschätzungen von Menschen und Sachen Etwas “an sich” seien, zu denen Jeder wie nach seinem Eigenthum greifen dürfe. Hier ist eben die Voraussetzung, das Alle gleichen Ranges sind.— Wahrhaftig sein ist eine Auszeichnung

34 [122]

Daß Etwas Entstandenes nicht erkannt ist, wenn man seine Entstehung (Vater und Mutter) kennt: sondern daß man es schon kennen muß, um in den Entstehungs-Bedingungen etwas “Verwandtes” zu entdecken—und daß dies meist ein Schein ist:—in Wahrheit ist ja das Wiedererkennen des väterlichen und mütterlichen Elements im Kinde nur bei einem Aggregat möglich, und unwillkürlich suchen wir, um zu erklären, etwas Neues nur als ein Aggregat, eine Zusammenordnung zu fassen d. h. die Analyse bezieht sich nicht auf die wirkliche Entstehung, sondern auf eine fingirte, gar nicht geschehene “mechanische” Zusammenordnung und Addition. Der Erklärende nimmt die Thatsachen dümmer und einfacher als sie sind.

34 [123]

Daß der Mensch eine Vielheit von Kräften ist, welche in einer Rangordnung stehen, so daß es Befehlende giebt, aber daß auch der Befehlende den Gehorchenden alles schaffen muß, was zu ihrer Erhaltung dient, somit selber durch deren Existenz bedingt ist. Alle diese lebendigen Wesen müssen verwandter Art sein, sonst könnten sie nicht so einander dienen und gehorchen: die Dienenden müssen, in irgendeinem Sinne, auch Gehorchende sein, und in feineren Fällen muß die Rolle zwischen ihnen vorübergehend wechseln, und der, welcher sonst befiehlt, einmal gehorchen. Der Begriff “Individuum” ist falsch. Diese Wesen sind isolirt gar nicht vorhanden: das centrale Schwergewicht ist etwas Wandelbares; das fortwährende Erzeugen von Zellen usw. giebt einen fortwährenden Wandel der Zahl dieser Wesen. Und mit Addiren ist überhaupt nichts gemacht. Unsere Arithmetik ist etwas zu Grobes für diese Verhältnisse und nur eine Einzel-Arithmetik.

34 [124]

Die Logik unseres bewußten Denkens ist nur eine grobe und erleichterte Form jenes Denkens, welches unser Organismus, ja die einzelnen Organe desselben, nöthig hat. Ein Zugleich-Denken z. B. ist nöthig, von dem wir kaum eine Ahnung haben. Vielleicht ein Künstler der Sprache: das Zurückrechnen mit der Schwere und Leichtigkeit der Silben, das Vorausrechnen, zugleich das Analogie-suchen von der Schwere des Gedankens mit den lautlichen resp. physiologischen Kehlkopf-Bedingungen, geschieht zugleich—aber freilich nicht als bewußt.

Unser Causal-Gefühl ist etwas ganz Grobes und Vereinzeltes gegen die wirklichen Causal-Gefühle unseres Organismus. Namentlich ist das “Vorher” und “Nachher” eine große Naivetät.

Zuletzt: wir mußten alles erst erwerben für das Bewußtsein, einen Zeit-sinn, Raum-sinn, Causal-sinn: nachdem es ohne Bewußtsein lange schon viel reicher existirt hatte. Und zwar eine gewisse einfachste schlichteste reduzirteste Form: unser bewußtes Wollen, Fühlen, Denken ist im Dienste eines viel umfänglicheren Wollens Fühlens und Denkens.— Wirklich?

Wir wachsen fortwährend noch, unser Zeit- Raumsinn usw. entwickelt sich noch.

34 [125]

Es läßt sich Nichts voraussagen, aber bei einer gewissen Erhöhung des Typus Mensch kann eine neue Kraft sich offenbaren, von der wir bisher nichts wußten. (Nämlich eine Synthesis von Gegensätzen?)

34 [126]

Der Seufzer Kleists über die schließliche Unerkennbarkeit —

34 [127]

Wir sind Anfänger im Lernen z. B. mit unserer Art Logik. Oder unseren Leidenschaften. Oder unserer Mechanik. Oder unserer Atomistik, welche der ehrlichste Versuch ist, die Welt für das Auge zu construiren, und für den zählenden arithmetischen Verstand (also anschaulich und berechenbar)

34 [128]

Unsere “Mittel und Zwecke” sind sehr nützliche Abbreviaturen, uns Vorgänge handlich, überschaulich zu machen.

34 [129]

1. Der Wille zur Wahrheit.
2. Jenseits von Gut und Böse.
3. Der Mensch als Künstler.
4. Von der hohen Politik.
5. Der züchtende Gedanke.

34 [130]

Das abstrakte Denken ist für Viele eine Mühsal,—für mich, an guten Tagen, ein Fest und ein Rausch.

34 [131]

Wie ein Feldherr von vielen Dingen nichts erfahren will und erfahren darf, um nicht die Gesamt-Überschau zu verlieren: so muß es auch in unserem bewußten Geiste vor Allem einen ausschließenden wegscheuchenden Trieb geben, einen auslesenden—, welcher nur gewisse facta sich vorführen läßt. Das Bewußtsein ist die Hand, mit der der Organismus am weitesten um sich greift: es muß eine feste Hand sein. Unsere Logik, unser Zeitsinn, Raumsinn sind ungeheure Abbreviatur-Fähigkeiten, zum Zwecke des Befehlens. Ein Begriff ist eine Erfindung, der nichts ganz entspricht; aber Vieles ein wenig: ein solcher Satz “zwei Dinge, einem dritten gleich, sind sich selber gleich” setzt 1) Dinge 2) Gleichheiten voraus: beides giebt es nicht. Aber mit dieser erfundenen starren Begriffs- und Zahlenwelt gewinnt der Mensch ein Mittel, sich ungeheurer Mengen von Thatsachen wie mit Zeichen zu bemächtigen und seinem Gedächtnisse einzuschreiben. Dieser Zeichen-Apparat ist seine Überlegenheit, gerade dadurch, daß er sich von den Einzel-Thatsachen möglichst weit entfernt. Die Reduktion der Erfahrungen auf Zeichen, und die immer größere Menge von Dingen, welche also gefaßt werden kann: ist seine höchste Kraft. Geistigkeit als Vermögen, über eine ungeheure Menge von Thatsachen in Zeichen Herr zu sein. Diese geistige Welt, diese Zeichen-Welt ist lauterSchein und Trug,” ebenso schon wie jedes “Erscheinungsding”—und dermoralische Menschempört sich wohl! (wie für Napoleon nur die wesentlich[en] Instinkte des Menschen bei seinen Rechnungen in Betracht kamen und er von den ausnahmsweisen ein Recht hatte, keine Notiz zu nehmen z. B. vom Mitleiden—auf die Gefahr hin, hier und da sich zu verrechnen)

34 [132]

Was ist denn “wahrnehmen”? Etwas-als-wahr-nehmen: Ja sagen zu Etwas.

34 [133]

NB. Es ist etwas Krankhaftes am ganzen bisherigen Typus der Philosophen, es mag viel an ihm mißrathen sein. Statt sich und die Menschen höher zu führen, gehen die Philosophen am liebsten bei Seite und suchen, ob es nicht einen anderen Weg gäbe: das ist vielleicht an sich schon das Anzeichen eines entartenden Instinkts. Der wohlgerathene Mensch freut sich an der Thatsache “Mensch” und am Wege des Menschen: aber—er geht weiter!

34 [134]

Was mein Werth-Urtheil ist, ist es nicht für einen Anderen. Das Annehmen von Werth-Urtheilen wie von Kleidungsstücken ist trotzdem die häufigste Thatsache: so entsteht von außen her erst Haut, dann Fleisch, endlich Charakter: die Rolle wird Wahrheit.

34 [135]

Diesen deutschen Idealisten habe ich oft zugesehn, sie aber nicht mir:—sie wissen und riechen nichts davon, was ich weiß, sie gehen ihren sanften Schlendergang, sie haben das Herz voll anderer Begierden als ich: sie suchen andere Luft, andere Nahrung, anderes Behagen. Sie sehen hinauf, ich sehe hinaus,—wir sehen nie das Gleiche.

— Mit ihnen umzugehn ist mir verdrießlich. Sie mögen an ihrem Leibe schon die Reinlichkeit lieben: aber ihr Geist ist ungewaschen, ihr “folglich” riecht mir faul, sie entrüsten sich, wo bei mir die fröhliche Neugierde anhebt, sie haben sich die Ohren nicht ausgewischt, wenn ich bereit bin, mein Lied zu singen.

34 [136]

— Dieser Sokrates, der schlaue Gründe dafür suchte, so zu handeln, wie die Sitte anbefahl, war ganz nach dem Herzen der “delphischen Priesterschaft”: und seine Bekehrung des Plato war das Meisterstück seiner Verführungs-Kunst. Die angelernten Begriffe als göttlichen Ursprungs, die volksthümlichen Werthschätzungen als die ewigen und unvergänglichen:—aber sie, für ein feineres Geschlecht, neu aufzuputzen, ihnen den Pfeffer und Beifuß der dialektischen Freude beizugesellen, sie unter einer geschwätzigen und verliebten Jugend zur Entzündung von Rede- und That-Wetteifer zu benutzen —

34 [137]

— Sie sind mir so fremd: ich müßte ihnen, um mit ihnen zu leben, immer gerade das Entgegengesetzteste lehren, von dem, was ich für wahr halte und was mir erquicklich scheint: und unter ihnen erdachte ich das Sprüchwort “nicht nur das Gold, auch das Leder glänzt.”

34 [138]

In Deutschland hat es immer an Geist gefehlt, und die mittelmäßigen Köpfe kommen dort schon zu den höchsten Ehren, weil sie schon selten sind. Was am besten geschätzt wird, das ist Fleiß und Beharrlichkeit und ein gewisser kaltblütiger kritischer Blick; und um solcher Eigenschaften willen ist deutsche Philologie, deutsches Kriegswesen über Europa Meister geworden.

34 [139]

NB. Für feinere und klügere Ohren klingt fast jedes Lob einer Tugend lächerlich: sie hören noch keine Tugend heraus z. B. wenn einer “bescheiden” genannt wird (falls er sich richtig abschätzt!) oder daß einer “wahrhaftig” heißt (falls er nicht getäuscht sein will!) [oder]mitleidig” (falls er ein weiches nachgebendes Herz hat) oder keusch (falls er ein Frosch ist und andererseits doch nicht gern an Sümpfen lebt)

34 [140]

NB. Es giebt [eine] Arglosigkeit der wiss[enschaftlichen] M[enschen], welche an Blödsinn grenzt: sie haben keinen Geruch davon, wie gefährlich ihr Handwerk ist, sie glauben im Grunde ihres Herzens, daß “Liebe zur Wahrheit” und “das Gute, Schöne und Wahre” ihre eigentliche Angelegenheit sei. Ich meine nicht “gefährlich” in Hinsicht auf die auflösenden Wirkungen, sondern in Hinsicht auf das ungeheure Schwergewicht der Verantwortlichkeit welches Einer auf sich fühlt, welcher zu merken beginnt, daß alle Werthschätzungen, nach denen die Menschen leben, auf die Dauer den Menschen zu Grunde richten.

34 [141]

NB. Die entmännlichenden und vielleicht entmannende Wirkung des vielen Betens gehört auch unter die Schädigungen des deutschen Wesens seit der Reformation. Es ist eine Sache schlechten Geschmacks unter allen Umständen, viel zu bitten, statt viel zu geben: die Mischung demüthiger Servilität mit einer oft hoffärtig-pöbelhaften Zudringlichkeit, mit der sich z. B. der heilige Augustin in seinen confessiones vor Gott wälzt, erinnert daran, daß der Mensch vielleicht nicht allein unter den Thieren das religiöse Gefühl hat- der Hund hat für den Menschen ein ähnliches “religiöses Gefühl.”— Der betende Verkehr mit G[ott] züchtet die erniedrigende Stimmung und Attitüde, welche auch in unfrommen Zeiten, durch Vererbung, noch ihr Recht behauptet: die Deutschen erstarben bekanntlich vor Fürsten oder vor Parteiführern oder vor der Phrase “als unterthänigster Knecht.” Es soll damit vorüber sein.

34 [142]

NB. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, sämmtliche Tugenden aus dem Egoismus “abzuleiten.” Ich will erst bewiesen haben, daß es “Tugenden” sind und nicht nur zeitweilige Erhaltungs-Instinkte bestimmter Heerden und Gemeinden.

34 [143]

Diese weichliche Angst vor dem “gräßlichen Fanatismus”

34 [144]

NB.— er bewegte und schloß wieder die Lippen und blickte wie Einer, der noch etwas zu sagen hat und zögert es zu sagen. Und es dünkte denen, welche ihm zusahen, daß sein Gesicht dabei leise erröthet sei. Dies dauerte eine kleine Weile: dann aber, mit Einem Male, schüttelte er den Kopf, schloß freiwillig die Augen—und starb. —

Also geschah, daß Zarathustra untergieng.

34 [145]

Er führt seine Freunde immer höher, auch an seine Höhle und endlich auf den hohen Berg: da stirbt er.

— segnend: Gräberinsel Höhle.

Die Stationen: und jedesmal Reden.

Mittag und Ewigkeit
Von
Friedrich Nietzsche.

Erster Theil:
die Heroldsrufe.

Zweiter Theil:
die Verkündigung.

Dritter Theil:
die Gelobenden.

Vierter Theil:
Aufgang und Untergang.

34 [146]

Einem, dem daran gelegen ist, unter welchen Bedingungen die Pflanze “Mensch” [nach Vittorio Alfieris Satz: “La pianta uomo nasce più robusta qui che altrove,” zitiert bei Stendhal: Rome, Naples et Florence (Paris: 1854), 383 PDF; vgl. auch 34[176]] am Kräftigsten in die Höhe wächst,—einem solchermaaßen Beschäftigten ist das Erscheinen einer neuen politischen Macht, falls sie nicht auf einen Gedanken sich stellt, noch kein Ereigniß: er hat kaum Zeit, näher zuzusehn.

Man mißverstehe mich nicht: ich wollte mit diesem Buche erklären, weshalb die Entstehung des deutschen Reiches mir gleichgültig geblieben ist: ich sehe einen Schritt weiter in der Demokratisirung Europas—nichts mehr, nichts Neues. Die Demokratie aber ist die Form eines Verfalls des Staates, einer Entartung der Rassen, eines Übergewichts der Mißrathenden: das habe ich schon Ein Mal gesagt.

34 [147]

Ein Mensch, dem fast alle Bücher oberflächlich geworden sind, der vor wenigen Menschen der Vergangenheit noch den Glauben übrig hat, daß sie Tiefe genug besessen haben, um—nicht zu schreiben, was sie wußten.

Ich habe so viele verbotene Dinge gedacht und bin dort guter Dinge und zu Hause, wo auch rechtschaffenen und tüchtigen Geistern der Athem ausgeht: so sehe ich es immer mit Erstaunen,  wenn ich noch etwas mitzutheilen finde. Ob ich gleich recht gut weiß, daß mir meine Gedankenstriche lieber sind als meine mitgetheilten Gedanken.

Wie  viele  Gelehrte  könnte  ich  beschäftigen; und  wenn  ich  vielleicht  in  einzelnen  Fällen  dies  gethan  habe —

Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf Gebiete zu treiben, wo Freiheit, Feinheit und Unbedenklichkeit noth thun, liegt darin, daß sie nicht über sich hinaus sehen können—daß sie dort kein Auge haben, wo sie keine Erlebnisse haben. Um z. B. darzustellen, was das moralische Gewissen ist, dazu müßte Einer tief und verwundet und ungeheuer sein wie das Gewissen Pascals und dann noch jenen ausgespannten Himmel von heller und boshafter Geistigkeit besitzen, welche von oben herab dieses Gewimmel von Erlebnissen übersieht, ordnet und auslacht.

Als ich jünger war, meinte ich, daß mir einige hundert Gelehrte fehlten, welche ich wie Spürhunde in die Gebüsche—ich meine in die Geschichte der menschlichen Seele—treiben könnte, um mein Wild aufzujagen. Inzwischen lernte ich, daß zu den Dingen, welche meine Neugierde reizen, auch Gelehrte schwer zu finden sind.

34 [148]

Ich glaube zu fühlen, daß Socrates tief war—seine Ironie war vor Allem die Nöthigung, sich oberflächlich zu geben, um überhaupt mit Menschen verkehren zu können—; daß Caesar Tiefe hatte: insgleichen vielleicht jener Hohenstaufe Friedrich der Zweite: sicherlich Leonardo da Vinci; in nicht geringem Grade Pascal, der nur dreißig Jahre zu früh starb, um aus seiner prachtvollen bitterbösen Seele heraus über das Christenthum selber hohnzulachen, wie er früher und jünger über die Jesuiten gethan hat.

34 [149]

NB. Ich ehre M[ichel] Angelo höher als Raffael, weil er, durch alle christlichen Schleier und Befangenheiten seiner Zeit hindurch, die Ideale einer vornehmeren Cultur gesehn hat, als es die christlich-raffaelische ist: während Raffael treu und bescheiden nur die ihm gegebenen Werthschätzungen  verherrlichte  und  keine  weitersuchenden, sehnsüchtigen  Instinkte  in  sich  trug. M[ichel] Angelo aber sah und empfand das Problem des Gesetzgebers von neuen Werthen: ebenso das Problem des Siegreich-Vollendeten, der erst nöthig hatte, auch “den Helden in sich” zu überwinden; den zuhöchst gehobenen Menschen, der auch über sein Mitleiden erhaben ward und erbarmungslos das ihm   Unzugehörige   zerschmettert   und   vernichtet,—glänzend   und   in   ungetrübter   Göttlichkeit.  M[ichel] A[ngelo] war, wie billig, nur in Augenblicken so hoch und so außerhalb seiner Zeit und des christlichen Europas: zumeist verhielt er sich condescendent gegen das Ewig-Weibliche am Christenthum; ja es scheint, daß [er] zuletzt gerade vor diesem zerbrach und das Ideal seiner höchsten Stunden aufgab. Es war nämlich ein Ideal, dem nur der Mensch der stärksten und höchsten Lebens-Fülle gewachsen sein kann, nicht aber ein altgewordener Mann! Im Grunde hätte er ja das Christenthum von seinem Ideale aus vernichten müssen! Aber dazu war er nicht Denker und Philosoph genug.— L[eonardo] da Vinci hat vielleicht allein von jenen Künstlern einen wirklich überchristlichen Blick gehabt. Er kennt “das Morgenland,” das innewendige so gut als das äußere. Es ist etwas Über-Europäisches und Verschwiegenes an ihm, wie es Jeden auszeichnet, der einen zu großen Umkreis von guten und schlimmen Dingen gesehn hat.

34 [150]

NB. Schopenhauer, ein rechtschaffner Denker, insgleichen kein übler Schriftsteller über philosophische Gegenstände, wenngleich für sich selber kein Philosoph: in Hinsicht auf die jetzige Jugend (und auch auf solche Alte, welche in ihren Ansprüchen an Schärfe der Begriffe, Helle des Himmels und—Wissenschaftlichkeit bescheiden sind) noch nicht zu ersetzen, denn er lehrt Verehrung, wo er selber verehrt hat, vor dem kritischen Geiste Kants, vor Goethe, vor den Griechen, vor den freigeistischen Franzosen: zu seiner Zeit war er vielleicht der bestgebildete Deutsche, mit einem europäischen Horizonte: es giebt selbst Augenblicke, wo er mit morgenländischen Augen sieht. Der Pessimismus, wie er ihn verstand, ist ebenfalls kein kleiner Lehrmeister der Verehrung auf Gebieten, wo Verehrung nicht zu Hause war: z. B. vor dem indischen Alterthum, vor dem alten eigentlichen Christenthum, dem katholischen, gegen welches die protestantische Schul-Erziehung den Geschmack [zu] wenden pflegt.

34 [151]

Über das “Genie.” Wie wenig Begabung z. B. bei R[ichard] W[agner]! Gab es je einen Musiker, der in seinem 28. [Jahre] so arm war (nicht so unentwickelt, unaufgeschlossen, sondern so arm), daß er auf Meyerbeer neidisch war—so arg neidisch, um sich sein Leben lang darüber zu ärgern? um folglich, mit der Folgerichtigkeit “schöner Seelen,” es ihm sein Lebenlang nachzutragen? Andererseits lernt man, wie Kant mit Recht Fleiß und Beharrlichkeit als das rühmt usw.

34 [152]

Unter guten Musikern gilt Verdi für reich, gegen W[agner] gerechnet: der Gründe hatte, sparsam zu sein und seine “Erfindungen” gut “anzulegen,” Wucher mit “Leitmotiven” zu treiben und sein “Gold” bei sich zu behalten, daß man darauf hin einen tausendfach zu großen Credit genießt: hat es W[agner] den Juden abgelernt?

34 [153]

NB. Ein Weib will Mutter sein; und wenn sie das nicht will, ob sie es schon sein könnte, so gehört sie beinahe in’s Zuchthaus: so groß ist dann gewöhnlich ihre innewendige Entartung.

34 [154]

NB. Deutschland hat nur Einen Dichter hervorgebracht, außer Goethe: das ist Heinrich Heine—und der ist noch dazu ein Jude. Aber in Frankreich ebenso wie in Italien, Spanien und England und wo man nur — — —; er hatte den feinsten Instinkt für die blaue Blume “deutsch,” freilich auch für den grauen Esel “deutsch.” Die Pariser behaupten außerdem, daß er Mit 2 anderen Nicht-Parisern die Quintessenz des Pariser Geistes darstelle. —

34 [155]

Über die Philosophen.
Über die Weiber.
Über die Musiker.
Über die Völker.
Über die Gelehrten.
Über die Schriftsteller.
Über die Frommen.
Über Heerde und Heerden-Instinkte.
“der gute Mensch”
Über die Herrschenden.
Über die alten Griechen.
Dionysos—Diabolus.

Die guten Europäer.
Ein Beitrag zur Beschreibung
der europäischen Seele.

34 [156]

Eine Vorrede über Rangordnung.

Dies sind meine Urtheile: und ich gebe, dadurch daß ich sie drucke, noch Niemandem das Recht, sie als die seinen in den Mund zu nehmen: am wenigsten halte ich sie für öffentliches Gemeingut, und ich will dem “auf die Finger klopfen,” der sich an ihnen vergreift. Es giebt Etwas, das in einem Zeitalter des “gleichen Rechts für Alle” unangenehm klingt: das ist Rangordnung.

34 [157]

NB. Zur Erklärung jenes innerlichen verwegenen Scepticismus in Deutschland, der daselbst größer und seiner selber gewisser ist als in irgend einem Lande Europa’s, gehört jene Thatsache, daß die protestantische Geistlichkeit immer an Kindern fruchtbar gewesen ist und gleich Luthern nicht nur auf der Kanzel ihre Stärke gehabt hat: und aus dem gleichen Grunde, aus dein Machiavell den Scepticismus der Italiäner ableitet—sie haben den Stellvertreter Gottes und seinen Hof immer zu nahe vor Augen gehabt—haben Allzuviele von den deutschen Philosophen und Gelehrten als Kinder von Predigern und sonstigem Kirchen-Zubehör dem “Priester” zugesehn—und glauben folglich nicht mehr an Gott. Der Protestantismus ist von vornherein wesentlich Unglaube an den “Heiligen”; die deutsche Philosophie ist wesentlich Unglaube an die homines religiosi und die Heiligen zweiten Ranges, an alle die Land- und Stadtpfarrer, hinzugenommen die Theologen der Universität—und insofern mag die deutsche Philosophie eine Fortsetzung des Protestantismus sein.

34 [158]

NB. Die Außen-Welt ist das Werk unserer Organe folglich ist unser Leib, ein Stück Außenwelt, das Werk unserer Organe—folglich sind unsere Organe das Werk unserer Organe. Dies ist eine vollständige reductio ad absurdum: folglich ist die Außenwelt nicht das Werk unserer Organe.

34 [159]

Pfeile.
Gedanken über und gegen die
europäische Seele

Das Recht der Vorrechte.

34 [160]

Pfeile.
Gedanken
über und gegen die deutsche Seele
.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [161]

NB. Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt; und nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister, mit leidender Miene, zu verstehen giebt, er sei eigentlich für etwas Besseres geboren. Es giebt gar nichts Besseres als das Gute! und das ist: irgend eine Tüchtigkeit haben und aus ihr schaffen, virtù, im italiänischen Sinne der Renaissance.

34 [162]

NB. Heute, in der Zeit wo der Staat einen unsinnig dicken Bauch hat, giebt es in allen Feldern und Fächern, außer den eigentlichen Arbeitern noch “Vertreter” z. B. außer den Gelehrten noch Litteraten, außer den leidenden Volks-Schichten noch schwätzende prahlerische Thunichts-gute, welche jenes Leiden “vertreten,” gar nicht zu reden von den Politikern von Berufswegen, welche sich wohl befinden und Nothstände vor einem Parlament mit starken Lungen “vertreten.” Unser modernes Leben ist äußerst kostspielig durch die Menge Zwischenpersonen; in einer antiken Stadt dagegen, und im Nachklang daran noch in mancher Stadt Spaniens und Italiens, trat man selber auf und hätte nichts auf einen solchen modernen Vertreter und Zwischenhändler gegeben—es sei denn einen Tritt!

34 [163]

Der kirchliche Druck von Jahrtausenden hat eine prachtvolle Spannung des Bogens geschaffen, insgleichen der monarchische: die beiden versuchten Entspannungen (statt mit dem Bogen zu schießen) sind 1) der Jesuitism 2) die Demokratie. Pascal ist das herrliche Anzeichen von jener furchtbaren Spannung: er lachte die Jesuiten todt.— Ich bin zufrieden mit despotischen Zuständen, vorausgesetzt, daß man mit gemischten Rassen zu thun hat, wo immer eine Spannung überhaupt gegeben ist. Freilich: die Gefahr solcher Versuche ist groß.— Die europäische Demokratie ist nicht oder [ist nur] zum kleinsten Theile eine Entfesselung von Kräften, sondern vor Allem eine Entfesselung von Sich-gehen-lassen, von Bequem-haben-wollen, von inneren Faulheiten. Ebenso die Presse.

34 [164]

Die europäische D[emokratie] ist zum kleinsten Theil eine Entfesselung von Kräften: vor Allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von Schwächen.

34 [165]

Der Spiegel.
Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung
für Europäer.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [166]

Das Gemeinsame in der Entwicklung der Europäer-Seele ist z. B. zu merken bei einer Vergleichung Delacroix’ und R[ichard] W[agners], der Eine peintre-poète, der Andere Ton-Dichter, nach der Differenz der französischen und deutschen Begabung. Aber sonst gleich. Delacroix übrigens auch sehr Musiker—eine Coriolan-Ouverture. Sein erster Interpret Baudelaire, eine Art R[ichard] W[agner] ohne Musik. Der Ausdruck expression von Beiden vorangestellt, alles Übrige geopfert. Von Litteratur abhängig Beide, höchst gebildete und selbst schreibende Menschen. Nervös-krankhaft-gequält, ohne Sonne.

34 [167]

In jedem Sinnes-Urtheil ist die ganze organische Vorgeschichte thätig: “das ist grün” z. B. Das Gedächtniß im Instinkt, als eine Art von Abstraction und Simplification, vergleichbar dem logischen Prozeß: das Wichtigste ist immer wieder unterstrichen worden, aber auch die schwächsten Züge bleiben. Es giebt im organischen Reiche kein Vergessen; wohl aber eine Art Verdauen des Erlebten.

34 [168]

Die Guten, ihr Verhältniß zur Dummheit.
Erziehung und Züchtung.
Das liberum “nego.” “vorläufig: Nein!”
Verehrung, Zorn und Tapferkeit

34 [169]

Die Abzählbarkeit gewisser Vorgänge z. B. vieler chemischen, und eine Berechenbarkeit derselben giebt noch keinen Grund ab, hier an “absolute Wahrheiten” zu tasten. Es ist immer nur eine Zahl im Verhältniß zum Menschen, zu irgend einem festgewordenen Hang oder Maaß im Menschen. Die Zahl selber ist durch und durch unsere Erfindung.

34 [170]

Ein logischer Vorgang, von der Art, wie er “im Buche steht,” kommt nie vor, so wenig als eine gerade Linie oder zwei “gleiche Dinge.” Unser Denken läuft grundverschieden: zwischen einem Gedanken und dem nächsten waltet eine Zwischenwelt ganz anderer Art z. B. Triebe zum Widerspruch oder zur Unterwerfung usw.

34 [171]

Synthetische Urtheile a priori sind wohl möglich, aber sie sind—falsche Urtheile.

34 [172]

Nux et crux.
Eine Philosophie für gute Zähne.

34 [173]

Jede Philosophie, wie sie auch entstanden sein möge, dient zu gewissen Erziehungs-Zwecken z. B. zur Ermuthigung oder zur Besänftigung usw.

34 [174]

Das Gute eine Vorstufe des Bösen; eine gelinde Dosis des Bösen: —

34 [175]

Wenn Einer sich um die Andern und nicht um sich kümmert, kann das ein Zeichen der Dummheit sein: so denkt das “Volk” bonhomie.

34 [176]

Die Moralen und Religionen sind das Haupt-Mittel, mit dem man aus dem Menschen gestalten kann, was Einem beliebt: vorausgesetzt daß [man] einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen und Sitten. Indem ich über die Mittel nachsann, den Menschen stärker und tiefer zu machen als er bisher war, erwog ich vor Allem, mit Hülfe welcher Moral dergleichen bisher bewerkstelligt worden ist. Das Erste, was ich begriff, war, daß man dazu die in Europa übliche Moral nicht gebrauchen kann, von der freilich die Philosophen und Moralisten Europa’s meinen, es sei die Moral selber und allein—ein solcher Philosophen-Unisono ist in der That der bessere Beweis dafür, daß jene Moral wirklich herrscht.— Denn diese Moral ist der eigentliche Heerden-Instinkt, welcher Behagen, Ungefährlichkeit, Leichtigkeit des Lebens nur ersehnt und als letzten hintersten Wunsch sogar den hat, allen Führern und Leithammeln entrathen zu können. Ihre beiden am besten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende”—und das Leiden selbst wird von allen Heerden-Thieren als etwas genommen, das man abschaffen muß. Wer aber darüber nachdenkt, wo und wie die Pflanze Mensch [nach Vittorio Alfieris Satz: “La pianta uomo nasce più robusta qui che altrove,” zitiert bei Stendhal: Rome, Naples et Florence (Paris: 1854), 383 PDF; vgl. auch 34[146]] bisher am kräftigsten und schönsten emporwächst, wird im Gegensatz zur europäischen Heerden-Moral und Geschichts-Fälscherei so viel aus der Geschichte entnehmen, daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage gesteigert, sein Erfindungs- und Verstellungsgeist durch langen Druck und Zwang herausgefordert werden muß, und daß folglich heute, Grausamkeit, Verschwiegenheit, Ungemüthlichkeit, Ungleichheit der Rechte, Krieg, Erschütterungen aller Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Ideale noth thut. Daß eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten nur in Anknüpfung an das beherrschende Sittengesetz und unter dessen Worten und Prunkworten gelehrt werden könne und angepflanzt werden könne, daß also viele Übergangs- und Täuschungsformen zu erfinden sind, und daß, weil das Leben Eines Menschen viel zu kurz zur Durchsetzung eines so langwierigen Willens ist, Menschen angezüchtet werden müssen, in denen einem solchen Willen Dauer durch viele Generationen verbürgt wird: dies begreift sich so gut als das lange nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieser Gedanken. Eine Umkehrung der Werthe bei einer bestimmten starken Art von Menschen vorzubereiten und unter ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte zu entfesseln: darüber nachdenkend erwog ich, welche Art Mensch unwillkürlich und überhaupt schon der also gestellten Aufgabe bisher gearbeitet hat. Ich fand die Pessimisten, indem ihre Unzufriedenheit mit Allem sie auch zur Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen mindestens logisch nöthigte: deshalb begünstigte ich Schopenhauer und die langsam über Europa aufdämmernde Kenntniß der indischen Philosophie. Auch ein Alpdruck ist ein Mittel, Menschen plötzlich aufzuwecken.— Insgleichen hatte ich ein Wohlgefallen an gewissen unersättlich-dualistischen Künstlern, welche wie Byron unbedingt an die Vorrechte höherer Menschen glauben und unter der Verführung der Kunst bei ausgesuchten Menschen die Heerden-Instinkte übertäuben und die entgegengesetzten wachrufen. Drittens ehrte ich die Philologen und Historiker, welche die Entdeckung des Alterthums fortsetzten, weil in der alten Welt eine andere Moral geherrscht hat als heute und in der That der Mensch damals unter dem Banne seiner Moral stärker böser und tiefer war: die Verführung, welche vom Alterthum her auf stärkere Seelen ausgeübt wird, ist wahrsch[einlich] die feinste und unmerklichste aller Verführungen.

Diese ganze Denkweise nannte ich bei mir selber die Philosophie des Dionysos: eine Betrachtung, welche im Schaffen Umgestalten des Menschen wie der Dinge den höchsten Genuß des Daseins erkennt und in der “Moral” nur ein Mittel, um dem herrschenden Willen eine solche Kraft und Geschmeidigkeit zu geben, dergestalt sich der Menschheit auf zudrücken. Ich beobachte Religionen und Erziehungs-Systeme darauf hin, wie weit sie Kraft ansammeln und vererben; und nichts scheint mir wesentlicher zu studiren, als die Gesetze der Züchtung, um nicht die größte Menge von Kraft wieder zu verlieren, durch unzweckmäßige Verbindungen und Lebensweisen.

34 [177]

Ich bin abgeneigt 1) dem Socialismus, weil er ganz naiv vom Heerden-Blödsinn des “Guten Wahren Schönen” und von gleichen Rechten träumt: auch der Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal 2) [dem] Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil dies die Mittel sind, wodurch das Heerdenthier sich zum Herrn macht.

34 [178]

Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen M[enschen] hervorspringen. Die Bedeutung langer despotischer Moralen: sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.

34 [179]

Daß es eine Entwicklung der ganzen Menschheit gebe, ist Unsinn: auch gar nicht zu wünschen. Das viele Gestalten am Menschen, die Art Vielartigkeit des Menschen herauszuholen, ihn zu zerbrechen, wenn eine Art von Typus ihre Höhe gehabt hat—also schaffend und vernichtend sein—dünkt mich der höchste Genuß, den Menschen haben können. Plato war gewiß nicht so beschränkt, als er die Begriffe als fest und ewig lehrte: aber er wollte, daß dies geglaubt werde.

34 [180]

Nicht mehr Vernunft in die ganze Geschichte des Menschen legen als in der übrigen Welt ist: Vieles ist möglich, aber man darf es nicht auf zu lange wollen. Der Zufall zerbricht alles wieder.

Der Mensch als ein Schauspiel: das ist der historische Sinn—aber er enthält ein gefährliches Element, der Mensch lernt sich fühlen als der Gestaltende, welcher nicht nur zusieht und zusehen will. Der Deutsche - - -

— es versteht sich, daß öffentlich und heimlich von allen organischen Grund-Absichten des M[enschen] nur unter tausend Maskeraden geredet wird: man lese eine Rede Bismarcks. NB.— der geistigere Mensch, der bisweilen hinter die Masken gesehen hat und zu sehen versteht, der überhaupt begriffen hat, wie sehr Alles Maske ist—ist billigerweise darüber in bester Laune. “Geistigkeit” ist der Kitzel eines ewigen Carnevals, sei es nun, daß wir selber dabei mitspielen oder nur gespielt werden.

— der historische Sinn und der geographisch-klimatische Exotismus neben einander.

34 [181]

So will ich, als ein müssiger Mensch, der nichts Besseres zu thun hat, meinen Freunden einmal erzählen, was ich mir unter der Philosophie des Dionysos denke: denn daß auch Götter philosophiren, scheint mir eine würdige und fromme Vorstellung, an der auch der Gläubigste noch seine Freude haben kann. Ich werde vielleicht, dem Geschmacke meiner Freunde nach, in der Freimüthigkeit meiner Erzählung zu weit gehn: dieser Gott selber aber ist, im Zwiegespräch mit mir, viel weiter gegangen und ich würde, falls ich ihm schöne heuchlerische Prunknamen zulegen dürfte, viel Rühmens von meinem Muthe, von meiner Ehrlichkeit Wahrhaftigkeit Redlichkeit “Liebe zur Wahrheit” und dergleichen, zu machen haben. Aber mit allem diesem schönen Plunder und Prunk weiß ein solcher Gott nichts anzufangen—zu meiner Rechtfertigung genügen zwei Worte, welche man freilich in Deutschland nicht leicht “ins Deutsche” übersetzt: gai saber.



Behalte dies doch für dich und deinesgleichen: ich habe keinen Grund, meine “Blöße” zu decken. Genug, es ist eine ganz unverschämte Art von Gottheit.



Es war Frühling, und alles Holz stand in jungem Safte: als ich so durch den Wald gieng und über eine Kinderei nachdachte, schnitzte ich mir eine Pfeife zurecht, ohne daß ich recht wußte, was ich that. Sobald ich aber sie zum Mund führte und pfiff, erschien der Gott vor mir, den ich seit langem schon kenne.

Nun, du Rattenfänger, was treibst du da? Du halber Jesuit und Musikant—, beinahe ein Deutscher!

In wunderte mich, daß mir der Gott auf diese Art zu schmeicheln suchte: und nahm mir vor, gegen ihn auf der Hut zu sein.

Ich habe alles gethan, sie dumm zu machen, ließ sie in Betten schwitzen, gab ihnen Klöße zu fressen, hieß sie trinken, bis sie sanken, machte sie zu Stubenhockern und Gelehrten, gab ihnen erbärmliche Gefühle einer Bedientenseele ein

Du scheinst mir Schlimmes im Schilde zu führen, die M[enschen] zu Grunde zu richten?

Vielleicht, antwortete der Gott; aber so, daß dabei Etwas für mich herauskommt.

— Was denn? fragte ich neugierig. —

Wer denn? solltest du fragen. Also sprach zur mir Dionysos.

34 [182]

Dionysos.
Versuch einer göttlichen Art, zu
philosophiren.
Von
Friedrich Nietzsche

34 [183]

Wie kommt es doch, daß die Weiber ihre Kinder lebendig gebären? Ich meinte immer, die armen Thiere müßten, bei der geringen Beschaffenheit ihrer Widerstands-Kräfte, erstickt zur Welt kommen. Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, wie geschrieben steht: oder, wie sind lebendige Kinder a priori möglich?— Und indem ich so fragte, erwachte ich völlig aus meinem dogmatischen Schlummer, gab dem Gotte einen Stoß vor den Bauch, und fragte, mit dem Ernst eines Chinesen aus Königsberg: “In summa: wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?”— “Durch ein Vermögen dazu” antwortete der Gott und hielt sich den Bauch.

34 [184]

Hegel: die Neigung der Deutschen sich selber zu widersprechen—daraus eine Gothik,

Wagner: der kein Ende [zu] finden wußte und auch dies zu einem Princip machte: auch eine Gothik.

34 [185]

Nicht die wirkliche historische Bedeutung Kants fälschen! Er selber war stolz auf seine Kategorientafel und das Vermögen dazu entdeckt zu haben: seine Nachfolger waren stolz darauf, solche Vermögen zu entdecken, und der Ruhm der deutschen Philosophie im Auslande bezog sich darauf: namentlich die intuitive und instinktive Erfassung derWahrheitwar es, was den Ruhm der Deutschen machte. Ihre Wirkung gehört unter die große Reaction. Eine Art Ersparnis von wissenschaftlicher Arbeit, ein direkteres Zuleibegehn an die “Dinge” selber—eine Abkürzung des Weges der Erkenntniß: dieser Traum berauschte!— In der Hauptsache bringt Schopenhauer dasselbe Entzücken hervor: nur nicht bei zufriedenen spinozistisch gesinnten M[enschen] sondern bei Unzufriedenen: er packt “den Willen” oder vielmehr die Velleität die “Willelei” die Begehrlichkeit oder Sinn und Verstand

34 [186]

“Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen” Schiller “die Künstler.”

34 [187]

Die Entwicklung des Bewußtseins als eines Regierungs-Apparates: nur für die Verallgemeinerungen zugänglich. Schon das, was das Auge zeigt, kommt in’s Bewußtsein als verallgemeinert und zurechtgemacht.

34 [188]

Vorrede: die Rangordnung der Menschen.
1. Erkenntniß als Wille zur Macht.
2. Jenseits von Gut und Böse
3. Die versteckten Künstler.
4. Die große Politik.
5. Der Hammer.

34 [189]

die Sinnlichkeit, welche bei kleinen blassen Juden oder Parisern so lächerlich erscheint, und beinahe comme une neurose —

34 [190]

im vorigen Jahrhundert bekam die bonté das gute Gewissen auf ihre Seite, welches lange bei ganz anderen Gefühlen war

34 [191]

Mittag und Ewigkeit.
Eine Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

Vorrede:von der menschlichen Rangordnung.
Erster Theil:Wissen und Gewissen.
Zweiter Theil:Jenseits von Gut und Böse.
Dritter Theil:Die versteckten Künstler.
Vierter Theil:hohe Politik.
Fünfter Theil:der Hammer (oder Dionysos).

34 [192]

      Vorrede.         Für wen?
Das Erfinderische.
Der Umfang der Seele.
Die Tiefe.
Die Kraft und Verwandlung.
Die befehlende Kraft.
Die Härte.
Das Wissen: Lust des Eroberers
Die große Verantwortlichkeit.
Die Kunst der Maske. Transfiguration.
Die Kraft der Mittheilung.
      — das Dionysische —

34 [193]

Die Skeptiker der Moral erwägen nicht, wie viel moralische Werthschätzung sie in ihrer Skepsis tragen: ihr Zustand ist beinahe ein Selbstmord der Moral und vielleicht sogar eine Verklärung derselben.

34 [194]

Woher sollen wir die Werthschätzungen nehmen? Vom “Leben”? Aber “höher, tiefer, einfacher, vielfacher”—sind Schätzungen, welche wir erst ins Leben legen. “Entwicklung” in jedem Sinne ist immer auch ein Verlust, eine Schädigung; selbst die Spezialisirung jedes Organs. Die Optik der Selbsterhaltung und des Wachsthums.

Optik des Wachsthums.

Daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr:

Wissen und Gewissen.
Eine Moral für Moralisten.
Von
Felix Fallax.

34 [195]

Die Philosophen 1) hatten von jeher das wunderbare Vermögen zur contradictio in adjecto.

2) sie trauten den Begriffen ebenso unbedingt als sie den Sinnen mißtrauten: sie erwogen nicht, daß Begriffe und Worte unser Erbgut aus Zeiten sind, wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zugieng.

NB. Was am letzten den Philosophen aufdämmert: sie müssen die Begriffe nicht mehr sich nur schenken lassen, nicht nur sie reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen und zu ihnen überreden. Bisher vertraute man im Ganzen seinen Begriffen, wie als einer wunderbaren Mitgift aus irgendwelcher Wunder-Welt: aber es waren zuletzt die Erbschaften unserer fernsten, ebenso dümmsten als gescheitesten Vorfahren. Es gehört diese Pietät gegen das, was sich in uns vorfindet, vielleicht zu dem moralischen Element im Erkennen. Zunächst thut die absolute Scepsis gegen alle überlieferten Begriffe noth (wie sie vielleicht schon einmal Ein Philosoph besessen hat—Plato: natürlich [hat er] das Gegentheil gelehrt — —)

34 [196]

Hier kommt eine Philosophie—eine von meinen Philosophien—zu Worte, welche durchaus nicht “Liebe zur Weisheit” genannt sein will, sondern sich, aus Stolz vielleicht, einen bescheidneren Namen ausbittet: einen abstoßenden Namen sogar, der schon seinerseits dazu beitragen mag, daß sie bleibt, was sie sein will: eine Philosophie für mich—mit dem Wahlspruch: satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus.— Diese Philosophie nämlich heißt sich selber: die Kunst des Mißtrauens und schreibt über ihre Haustür: memnhs apistein.

34 [197]

Ihr demonstrirt aus dem Elend des Weibs heraus, daß man seine Lage verbessern müsse: aber ich wollte, ihr thätet es auf Grund seiner besseren Lage und Kraft

34 [198]

Die großen Tugenden, die Verantwortlichkeit.

“Die Guten” als ein Hintergrund der demokratischen socialistischen Bewegung.

34 [199]

1)Zarathustra gefangen —
Anklagerede gegen ihn, als Verführer
großer Gegensatz zwischen der ungeheuren Unsicherheit und dem kleinen Menschen
Zarathustra preist die Entronnenen (große Krisis bei ihm)
er überredet die Väter zu einem Gedächtniß-feste
Hinzuströmen aller Aristokraten von allen Enden der Erde
Zuletzt kommen die Kinder selber.
2)die Rangordnung der Menschen: er scheidet die Hinzuströmenden nach Gruppen von sich ab, er bezeichnet zuletzt damit die Grade der Erziehung des Menschen (durch Generationen)
3)Vor der kleinsten Auswahl: die Gesetzgeber der Zukunft, mit den großen Tugenden (Verantwortlichkeit), der Hammer.
4)der Abschied: die Wiederkunft als Religion der Religionen: tröstlich.
  
Zarathustra gefangen, kritisirt die Lage der Entronnenen.
es strömt hinzu (zugleich sein Publicum abscheidend) zuletzt kommt die Schaar.
Die Rangordnung als Stufen der Erziehung des Menschen (durch viele Generationen)
die höchsten Gesetzgeber, mit dem Hammer.
Darstellung der großen Tugenden.
der Abschied.

34 [200]

Der Philosoph hat viele Vordergrund-Tugenden nöthig und namentlich prunkvolle Worte: wie Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit.

34 [201]

Der Gesetzgeber der Zukunft.
die menschliche Rangordnung.

Jenseits von Gut und Böse.

Der Philosoph als Künstler.

Dionysos.

34 [202]

Die Herren der Erde.
Gedanken über Heute und Morgen.
Von
Friedrich Nietzsche

34 [203]

Der Zustand Europa’s im nächsten Jahrhundert wird die männlichen Tugenden wieder heranzüchten: weil man in der beständigen Gefahr lebt. Die “allgemeine Militärpflicht” ist schon heute das sonderbare Gegengift gegen die Weichlichkeit der demokratischen Ideen: erwachsen aus dem Kampf der Nationen (Nation—Menschen, die Eine Sprache sprechen und dieselben Zeitungen lesen, heißen sich heute “Nationen” und wollen gar zu gern auch, gemeinsamer Abkunft und Geschichte sein: was aber auch bei der ärgsten Fälscherei der Vergangenheit nicht gelungen ist.)

34 [204]

Meine Freunde, womit bin ich doch seit vielen Jahren beschäftigt? Ich habe mich bemüht, den Pessimismus in die Tiefe zu denken, um es aus der halb christlichen, hal